Archiv für den Monat: Januar 2010

Dreikönigstauchen am Bodensee in Überlingen

Deutsche Gewässer haben im Sommer aus tauchtechnischer Sicht gesehen mithin ein Problem: Das warme Wetter regt das Algenwachstum an. Das äußert sich zum einen darin, dass man im Sommer sehr viel mehr Grundbewuchs hat. Teilweise wachsen regelrechte Wälder aus dem Grund, in denen sich ausgewachsene Taucher verstecken können. Aber auch das Wachstum von Kleinalgen wird verstärkt, was dazu führt, dass die Schwebeteile stark zunehmen. Die Sichtweite wird stark eingeschränkt und Bilder gelingen nicht immer so ganz gut, wie uns dieses in einem deutschen See gemachte Symbolbild verdeutlichen soll:

Schwebeteilchen verhindern die klare Sicht im Sommer

Schwebeteilchen verhindern die klare Sicht im Sommer

Danke, Rosi. Äh… das bist doch Du, Rosi? Nun ja, ich denke, das Problem wird deutlich. Im Winter hingegen ändert sich die Situation schlagartig, die Algenwälder sterben ab und die Schwebeteile verschwinden. Viele Taucher schätzen diese Komponente des Winters, auch wenn das Wasser wesentlich kälter ist als im Sommer. Auf der anderen Seite kann es jedoch sein, dass das Wasser wiederum eine höhere Temperatur hat als die Luft draußen. Wasser kann nämlich – zumindest in den Tiefen, in denen sich Sporttaucher rumtreiben* – niemals Minusgrade haben, sonst würde es gefrieren.

Mitten im Winter nun, einmal im Jahr am 6. Januar, dem Drei-Königs-Tag, treffen sich Taucher aus Deutschland und ganz Europa am Bodensee, genauer gesagt, in Überlingen, um das mittlerweile zur Tradition gewordene „Dreikönigstauchen“ zu veranstalten. Ursprünglich war das ganze eine einmalige Aktion im Jahr 1970, die sich 1971 wiederholte, dann 1972… und so weiter. Geblieben ist es bis heute, organisiert wird es seit jeher von der Tauchgruppe Überlingen. 2010 ist damit ein rundes Jubiläum, es handelt sich um das 40. Treffen dieser Art.

Parkhaus Post - Zur Tauchbasis umfunktioniert

Parkhaus Post - Zur Tauchbasis umfunktioniert

Als ich an diesem Morgen in das Parkhaus „Post“ in Überlingen einfahre, sehe ich schon die ersten Taucher. An den meisten Fahrzeugen, die auf der ersten Ebene abgestellt sind, stehen Frauen und Männer, die gerade dabei sind, ihre Ausrüstungen anzulegen. Es ist nicht das erste Mal, dass ich ein Dreikönigstauchen besuche, doch diesmal habe ich ein komisches Gefühl dabei. Noch bis vor einem Jahr erschien es mir völlig abwegig, überhaupt in Deutschland tauchen zu gehen, egal zu welcher Jahreszeit. Nun, nachdem ich eine aufregende Sommersaison hinter mich gebracht habe, steht fest: der Sommer ist nicht genug. „Sieh sie Dir nur gut an“, scheint eine leise Stimme in meinem Kopf zu sagen, „irgendwann stehst Du auch mal so da.“ Aber dieses Jahr noch nicht. Für das Tauchen im Winter braucht man spezielle Ausrüstung, mit der man umgehen können sollte – beides ist bei mir nicht der Fall. Noch nicht.

Direkt beim Parkhaus „Post“ befindet sich einer der Überlinger Tauchplätze. Man überquert die Straße und geht am Minigolfplatz an den See. Dort befindet sich eine Treppe, die hinab ins Wasser führt. Ein Schild mahnt: „Tauchen nur nach links“. Und für den Fall, dass einer nicht weiß, wo „links“ ist, ist das Wort auch noch mit einem Pfeil eingerahmt, der in die entsprechende Richtung zeigt. Das hat einen Grund, rechts von dem Einstieg befindet sich der Mantelhafen, und damit eine Schifffahrtsrinne. Das Tauchen ist hier viel zu gefährlich. Zumindest sonst. Aber an Dreikönig ist alles ein wenig anders.

Warnschild am Tauchplatz "Parkhaus Post" in Überlingen.

Warnschild am Tauchplatz "Parkhaus Post" in Überlingen.

Der 6. Januar ist der einzige Tag im Jahr, an denen es den Tauchern erlaubt ist, an dieser Stelle nach rechts abzubiegen. Im restlichen Jahr ist der gesamte Uferbereich in Überlingen zwischen dem Mantelhafen und dem Hafen beim Westbad absolute Sperrzone für Taucher. Und hier befindet sich auch einer der beiden Stände, bei denen sich die Taucher beim Einstieg in eine Liste eintragen, und bei der Rückkehr wieder austragen lassen können. Das dient der Sicherheit, damit gewährleistet ist, dass auch alle wieder an die Oberfläche kommen. Außerdem gibt es eine Regel, die besagt, dass der Tauchgang nicht länger als 60 Minuten gehen darf. Meldet man sich nach spätestens 60 Minuten nicht zurück, rücken die Rettungstaucher der DLRG aus, die schon vor Ort Stellung bezogen haben.

Sicher ist sicher: Die DLRG in Stellung.

Sicher ist sicher: Die DLRG in Stellung.

Die meisten Taucher, die sich im Meldebuch des Postens am Einstieg „Parkhaus Post“ eintragen lassen, versichern, dass sie auf keinen Fall länger als 60 Minuten im Wasser bleiben wollen. Ich kann es ihnen nachempfinden, da es auch außerhalb des Wassers extrem kalt ist. Eine Gruppe von drei Tauchern geht an mir vorbei. Wieder erfolgt die Mahnung: Nicht länger als eine Stunde! „Auf gar keinen Fall!“, versichert einer der Taucher und deutet auf seine beiden Kameraden: „Höchstens dreißig Minuten. In Eurer Ausrüstung eher zwanzig.“ Der Taucher, der das sagt, trägt einen Trockentauchanzug, seine beiden Kameraden sind „halbtrocken“ unterwegs. Das Wasser des Sees hat 5 ° Celsius. Ich versuche, mir das vorzustellen. Die kälteste Temperatur, die ich bei meinen Tauchgängen bisher hatte, war 8 ° beim Tieftauchgang in Horka. Ich war zwar auch im Halbtrocken-Anzug unterwegs, aber wir sind aus der wärmeren Oberflächenschicht in die Tiefe gegangen. In der Tiefe selbst haben wir uns nur kurz aufgehalten, bevor wir wieder ins Wärmere sind. Das war schon nicht gerade angenehm. Nein, bei solchen Temperaturen werde ich wohl eher ein „Trockentaucher“ sein. Früher oder später.

Tauchplatz "Parkhaus Post"

Tauchplatz "Parkhaus Post"

Solche Begegnungen zeigen auch, dass es gemeinhin doch mehr vernünftige Taucher gibt, als man vielleicht glauben mag. Leider finden hauptsächlich die Geschichten ihren Weg in die Medien, in denen sich Taucher unvorsichtig, ja verantwortungslos verhalten haben. Die Tauchgänge, bei denen dann irgendetwas schief gegangen ist. Die vielen Tauchgänge, bei denen gar nichts passiert, sind dazu nicht spektakulär genug.

Meine Finger werden klamm, und das trotz Handschuhen. Die Luft hat Minusgrade, die Wetterstationen sind sich nicht einig, zwischen – 4 ° und – 7° C schwanken die Angaben. Egal, es ist kalt. Um mich ein wenig zu bewegen, gehe ich zum zweiten Einstiegspunkt direkt am Mantelhafen. Dazu muss ich das Hafenbecken umrunden. Auf meinem Weg kommen mir zwei Taucher in Ausrüstung entgegen. Einer vom beiden atmet ob der  Ausrüstung auf seinem Rücken schwer und setzt sich auf die Betonhalterung einer Sitzbank, um zu verschnaufen. Die Bank selbst wurde für den Winter abmontiert. Ich bin erleichtert, dass es nicht nur mir so geht mit der Ausrüstung, vor allem, nachdem ich auf eine 15-Liter-Flasche umgestiegen bin.

Einstieg "Mantelhafen"

Einstieg "Mantelhafen"

Auf der anderen Seite des Hafens wurde ein zweiter Stand errichtet, an dem sich Taucher ins Meldebuch eintragen lassen können. Ursprünglich gab es nur diesen Einstiegsplatz, aber nachdem die Zahl der Taucher zugenommen hatte, wurde beschlossen, einen zweiten „offiziellen“ Einstieg zu ermöglichen. In früheren Jahren gab es hier auch so eine Art Wettbewerb, von dem ich allerdings in den letzten Jahren nichts mehr mitbekommen habe: Besonders draufgängerische Schwimmer konnten hier ins Wasser einsteigen – und zwar in Badekleidung. Wer es trotz der Kälte schaffte, eine Runde im Hafenbecken zu schwimmen, bekam einen Preis und eine heiße Dusche. Aber a propros „Preis“: Einer der Höhepunkte des Dreikönigstauchen ist die „Schatzsuche“. Irgendwo in dem Bereich, der an diesem Tag betaucht wird, wird eine Schatztruhe versteckt. In ihr befinden sich neben Edelmetall und Säcken mit Goldsand auch zwei Flaschen mit „Taucherwasser“, wie es auf der Webseite vom Dreikönigstauchen charmant umschrieben wird. Das Edelmetall und die Goldsäcke sind natürlich nur Zierde, es geht dabei rein um den Spaß – und natürlich das „Taucherwasser“. 🙂 Natürlich haben die „alten Hasen“ da einen gewissen Vorteil, da sie das Gebiet und alle möglichen Verstecke schon kennen. Und jene, die früh dran sind. Das Tauchen beginnt offiziell um 7.00 Uhr in der Früh, und tatsächlich finden sich auch schon vorher Taucher ein.

"Mein... Schatzzzzzzz! Gollum!"

"Mein... Schatzzzzzzz! Gollum!"

Direkt neben dem Mantelhafen-Einstieg ist ein Bratwurststand aufgebaut, wo auch Glühwein ausgeschenkt wird. Natürlich dient diese Wegzehrung auch der Versorgung der Taucher, aber ebenso für die Neugierigen, die dem Spektakel beiwohnen wollen, und die Vertreter der Presse, die man heutzutage „Medien“ nennt. Es werden Bilder für die Lokalzeitung geschossen und Leute fürs Radio interviewt. Nach all den Jahren ist das Dreikönigstauchen doch immer noch ein Ereignis. Das spiegelt sich auch in den Nummernschildern der Autos wieder, die auf dem Parkplatz am Mantelhafen und im Parkhaus Post stehen. Selbst der Norden der Republik ist vertreten.

Und auch als Zuschauer bekommt man ein bisschen was mit. So kann man zum Beispiel die Taucher tatsächlich durch die Wasseroberfläche sehen. Das Wasser ist extrem klar, im Uferbereich sieht man den Grund auch in mehr als zwei Metern Tiefe sehr deutlich, etwas, das etwa im Sommer ein Ding der Unmöglichkeit ist.

Gute Sicht in kaltem Wasser.

Gute Sicht in kaltem Wasser.

Mir wird immer kälter. Das Wetter ist doch nicht so angenehm. Ich werde darum gebeten, eine Gruppe Taucher zu fotografieren, die ein Souvenir an diesen Tag haben wollen. Das erledige ich natürlich gern. Wie ich gelesen habe, gibt es von der Tauchgruppe Überlingen für jeden teilnehmenden Taucher an Dreikönig einen speziellen Stempel fürs Logbuch. Ein weiteres nettes Souvenir. Ich trage mich mit dem Gedanken, langsam aufzubrechen, als ein Taucher zum Meldestand zurückkehrt, der berichtet, dass er wegen eines technischen Defekts einen unkontrollierten Aufstieg aus 40 Metern Tiefe gemacht hat. Er wird den Leuten von der DLRG übergeben, die ihn durchchecken und überwachen.

Dann mache ich mich endgültig auf den Weg. Im Parkhaus komme ich wieder an vielen Tauchern vorbei, die meisten davon haben jetzt allerdings ihren Tauchgang schon beendet und ziehen ihre Anzüge aus. Wieder überkommt mich ein komisches Gefühl, als ich im Geiste das vergangene Jahr Revue passieren lasse. Es hat sich verdammt viel getan (die regelmäßigen Leser dieses Blogs wissen, wovon ich rede), und 2010 wird wohl genau so weitergehen. Und möglicherweise werde auch ich in einem Jahr dastehen und mich meiner nassen Sachen entledigen, wer weiß? Noch ein Jahr zuvor erschien mir der Gedanke abwegig. Ich werde mich einfach überraschen lassen, was in den nächsten 365 Tagen so alles passiert. Und wenn es so sein soll, dann möchte ich aber auch so einen Stempel für mein Logbuch. Und dann gibt es an dieser Stelle einen Bericht aus der Sicht eines Teilnehmenden, nicht nur eines Zuschauers.

„Die Taucher sind schon ein eigenes Volk.“
(Kommentar eines Tauchers auf die Frage eines Journalisten)

Mehr Informationen gibt es unter www.dreikoenigstauchen.de.

* = Für das kurze Klugscheißen zwischendurch: Es ist sehr wohl möglich, dass Wasser Minusgrade hat, ohne zu gefrieren. Das findet aber nur in extremen Tiefen statt. Dort gefriert das Wasser wegen des hohen Drucks nicht, allerdings treiben sich in diesen Tiefen in den allerseltensten Fällen Sporttaucher rum.

HORKA – Das Tauchparadies in Sachsen Teil 4

Unglaublich, aber wahr – schon brach der letzte „Tauchtag“ an. Zwar hätten wir durchaus die Möglichkeit gehabt, auch am nächsten Tag vor der Heimfahrt noch einen Tauchgang hinzulegen, aber manchmal muss man sich einfach den Tatsachen stellen und zugeben, dass es etwas zu viel ist, vor einer derart langen Reise nochmal ins Wasser zu steigen. Aber was rede ich hier eigentlich? So weit sind wir doch noch gar nicht.

Der erste Tauchgang des Tages war wieder ein Nitrox-Tauchgang. Der Kurs „Enriched Air Diver“ umfasst eigentlich nur zwei Freiwassertauchgänge, die auch ausreichend sind (wie bereits erwähnt ist die Theorie und der Umgang mit dem Atemgas das Wichtigste), aber wir sollten noch eine kleine „Zulage“ bekommen: ein paar Notfallhandgriffe. Was einem passieren kann, wenn man mit der falschen Mischung zu tief taucht, ist eine Sauerstoffvergiftung. Da Sauerstoff eines der zwei Hauptnahrungsmittel unseres Gehirns ist (das andere ist Zucker), sind die Auswirkungen entsprechend dramatisch: Man kann einen Krampfanfall bekommen. Eigentlich macht man dann aber nichts anderes, wie wenn ein Taucher aus anderen Gründen bewusstlos wird. Allerdings lernt man diese Maßnahmen erst im Rahmen des „Rescue Diver“-Kurs, aber Majki wollte uns zur Sicherheit jetzt schon ein paar Handgriffe beibringen. Uns war das recht. Man kann nicht vorbereitet genug sein.

Auf den Tauchgang begleitete uns auch der mittlerweile frisch gebackene AOWD Jonathan, der bei der Demonstration der Maßnahmen durch Majki als Opfer herhalten sollte. Zuerst machten wir jedoch wieder eine Runde durch den See, was sehr entspannt war. Dann suchten wir eine Plattform, wo wir die Übung machen konnten. Gut, Pedanten sei gesagt, es war nicht wirklich eine „Plattform“, wie wir sie beispielsweise im Schluchsee hatten. Es war eine ebene Fläche, die beim Abbruch der Steine entstanden war, mehr ein Plateau, das genügend Platz bot und in Richtung Seemitte zuerst in ein paar Stufen in die Tiefe führte, bevor die Felsen endgültig steil nach unten führten. Jonathan ließ alle Luft aus seiner Tarierweste und legte sich auf den Bauch in die Mitte des Plateaus. Er hatte die verantwortungsvolle Aufgabe, nichts zu machen, sondern sich wie ein Bewusstloser hängen zu lassen.

Annette und ich beobachteten das Geschehen vom Rand des Plateaus aus. Im Grunde genommen macht man aber unter Wasser auch nichts anderes als über Wasser: Man kontrolliert den Bewusstseinszustand (Taucher geschüttelt, nicht gerührt), ob der Regulator noch im Mund ist, und dann hebt man die Person mit einem speziellen Rettungsgriff hoch. Dann allerdings kam das, was sich dann doch geringfügig von der Überwasserrettung unterscheidet: den bewusstlosen Taucher an die Oberfläche bringen. Dazu muss der Retter für sich und den Geretteten für den nötigen Auftrieb mittels seiner Tarierweste sorgen. Majki ließ also Luft in seine Weste und stieß sich von dem Plateau ab. Doch anstatt Jonathan nach oben zu ziehen, stoppte die Aufwärtsbewegung etwa einen halben Meter über dem Fels. Von da an schob er ihn in einer horizontalen Linie auf den Rand des Plateaus zu, an dessen Ende beide nach unten stürzten. Glücklicherweise hatte der Fels hier eine Stufe, so dass sie etwa einen halben Meter tiefer wieder Bodenkontakt hatten. Also, einen halben Meter unter dem Niveau des Plateaus, von dem aus sie gestartet waren, also einen Meter tiefer als ihre erreichte Flughöhe  (haben das jetzt alle verstanden?). Jedenfalls hatten Annette und ich dem Schauspiel mit einigem Unglauben zugesehen, wurden wir doch Zeuge einer Neuaufführung unseres eigenen spektakulären Sturzes in den Torf beim Abschluss des OWD-Kurses im Schluchsee (wer das schon vergessen hat, hier ist es abgemalt und aufgeschrieben). Wir erkundigten uns sogleich nach dem Zustand der beiden, doch ihnen war zum Glück nichts ernsthaftes passiert.

Annette: Wir waren in der Tat leicht irritiert, wie Majki so in der Horizontalen mit Jonathan im Gepäck „herumfuhr“, doch es stellt sich heraus, dass er ein akutes Druckausgleichsproblem im Ohr hatte. Er konnte es aber zum Glück regeln und die Übung dann doch noch mit Demonstrationscharakter zu Ende bringen. Wenn ich das so lese bekomme ich im Nachhinein allerdings ein bisschen Gewissensbisse: Wo waren WIR lieber Thorsten, als die abgestürzt sind! Wir hätten uns ja auch mal rühren können statt wie die Ölgötzen unter Wasser zuzugucken was da passiert!

Ehrlich gesagt konnte ich das in dem Moment nicht fassen und fragte mich, ob ich wohl an einer Sauerstoffvergiftung leide und das, was ich da sehe, nur ein Produkt meiner eigenen, verkorksten Fantasie ist – so sehr fühlte ich mich an unser Schluchsee-OWD-Wechselatmung-Sturz-in-den-Torf-Abenteuer erinnert. Und wir sind ja dann gleich aufgesprungen und haben nach ihnen geschaut.

Trotzdem hatte die Übung Spaß gemacht. Ich durfte Thorsten an die Oberfläche „zerren“, und es war sehr lehrreich. Er machte sich zwar absichtlich schwer, behinderte mich nach allen Regeln der Kunst, um mich besonders herauszufordern, , aber he! Für mich doch ein Kinderspiel! Thorsten wurde trotz massiver Gegenwehr dorthin gebracht, wo ich ihn hinbringen sollte. Widerstand zwecklos!

Ich kann mir vorstellen, dass Dir das Spaß gemacht hat, und zwar aus folgenden drei Gründen:

Erstmal kräftig durchschütteln!

1. Erstmal kräftig durchschütteln!

2. Unter dem Deckmäntelchen der "Rettung" dem Mann ungestraft auf den Hintern starren.

2. Unter dem Deckmäntelchen der "Rettung" dem Mann ungestraft auf den Hintern starren.

(Nicht ganz! Ich kontrolliere hier lediglich dein zusätzliches Ablassventil die Nähte deines Neoprens, denn wie wir aus leidlicher Erfahrung wissen, neigst du dazu, kaputtes Beinkleid zu tragen!)

3. Das arme Opfer wie einen alten Wischmopp durch den See ziehen.

3. Das arme Opfer wie einen alten Wischmopp durch den See ziehen.

Dass ich mich absichtlich schwer gemacht habe, stimmt übrigens nicht. Oder hätte ich vielleicht vorher die Steine aus den Taschen meines Jackets tun sollen? *hust! Jedenfalls kehrten wir zu dem Plateau zurück und ich war dran. Eigentlich war ausgemacht, dass ich Annette tatsächlich bis zur Oberfläche bringe, denn unser Tauchgang war an dieser Stelle sowieso beendet. Also rettete ich Annette nach den Regeln der Kunst.

Beweisfotos? Trauste dich nicht, was? Sonst könnte ja jeder sehen, wo du mir ungestraft hingefasst hast!

Ach, wir wollen also ein Beweisfoto, ja? Na dann:

Professionelle Profi-Rettung durch einen Profi-Retter

Professionelle Profi-Rettung durch einen Profi-Retter

Jetzt sagst Du aber nichts mehr, was? Wie es sich gehört, nähere ich mich vom Rücken her an die Flasche, um diese mit einem sicheren Griff zu packen, damit nichts mehr passieren kann. Allein die entspannte Körperhaltung von Majki im Hintergrund spricht Bände.

Entspannt?? Er knetet äußerst nervös seine Hände…

Die Geburtsstunde des ersten „Flatflute Diver Suchspiels“ ist gekommen, meine Damen und Herren! Die Aufgabe lautet: Findet Annette auf diesem „Profibild“. Der erste, der mich eindeutig identifizieren kann, gewinnt einen Preis!

Ist nicht meine Schuld. Es GIBT kein anderes Bild als das hier. Offenbar hat unser Fotograf  gedacht, dass es ausreicht. Nun ja, mein Profiblick und Profigriff ist ja dokumentiert. Und das Wichtigste ist auch erkennbar: ICH!

Pah! Und wo ist die andere Hand hä?

Da, wo sie hingehört, an Deinem Hin dem unteren Teil der Pressluftflasche. So gesichert nahm ich Annette auf, um sie nach oben zu bringen. Und diesmal hatte ich es geschafft, sie senkrecht mit nach oben zu ziehen. (Danke! Wenn wir nochmal in die Waagerechte gekommen wären wäre ich mißtrauisch geworden…) Wir waren auf dem Weg in die richtige Richtung, wir schwebten zur Oberfläche. Doch noch bevor ich mich an meiner eigenen Genialität berauschen konnte, tippte mir Majki auf die Schulter und gab mir das Zeichen, den Aufstieg abzubrechen. Wassn? Ich befürchtete schon, irgendetwas falsch gemacht zu haben, so in der Art, dass ich nach unten statt nach oben geschwommen wäre (…kein Wunder, dass das so leicht ging…), aber zum Glück hatte es nur eine Planänderung gegeben: Wir beendeten den Tauchgang regelgerecht, indem wir unter Wasser zum Ausstieg zurückkehrten, anstatt an der Oberfläche zu schwimmen.

Der Nachmittagstauchgang sollte für uns ein „Special“ im Hinblick auf den AOWD werden, einen Schnuppertauchgang. Wir würden – natürlich unter Anleitung und Aufsicht! – einen Tauchgang bis auf den Grund des Sees machen und dabei nahe an 30 m Tiefe kommen. Wir gingen wieder zu viert, Jonathan begleitete uns nochmal. Und wir konnten den Tauchgang jederzeit abbrechen, wenn wir uns dabei unwohl fühlen würden. Dann ging es hinab, zuerst noch auf gewohnte Tiefen, und dann dahin, wo wir die letzten Tage immer nur von oben hingeschaut hatten: die dunkle Mitte des Sees.

Und wie ist das so? Nun, die ersten paar Meter unterhalb der gewohnten Grenze merkt man eigentlich kaum was. Der Druckunterschied ist auf den ersten 10 m Wassertiefe nun mal am Stärksten. Irgendwann, so empfand ich das zumindest, merkt man, dass das Atmen etwas schwerfälliger wird. Außerdem wird es natürlich dunkler – und in diesem See merklich kälter. Um damit angeben zu können, wollte ich meinen Tauchcomputer abfotografieren, der mittlerweile 26 m anzeigte. Aber als ich auf das Display meiner Kamera sah, war kaum was zu erkennen. Alles war in einen seltsamen Schleier gehüllt. Als ich meine Kamera umdrehte, merkte ich auch, woran das lag: Auf der Innenseite der wasserdichten Hülle hatte sich Kondenswasser gebildet, das das Trockensalz offenbar nicht aufnehmen konnte. Eine Kontrolle der Temperatur ergab 8 ° Celsius! Das war auch deutlich zu spüren. An dieser Stelle des Sees gab es noch ein paar Installationen, so liegt zum Beispiel eine Lore auf dem Grund, mit der früher die Steine abtransportiert wurden, ein Fahrrad und ein Motorrad. Leider war die Sicht nicht besser geworden, so dass es in der Tiefe sehr dunkel war und die Bilder wegen des Kondenswassers sowieso nicht so wirklich was wurden. Wir drehten eine kleine Runde und kamen bis auf 28 m, dann kehrten wir wieder nach oben zurück. Ich war dankbar, denn das nur ein paar Grad wärmere Wasser weiter oben fühlte sich auf dem Gesicht an wie ein warmer Sommerregen nach einem langen Winter… oder so. Als wir wieder in gewohnten Tiefen waren, fragte uns Majki, ob wir noch mit auf eine weitere Erkundungsrunde mitkommen würde. Annette gab Zeichen, dass ihr kalt war und sie den Tauchgang gern beenden würde. Mir war das recht, ich habe zwar nicht gefroren, aber angenehm fühlte sich das auch nicht an, also ging ich mit ihr zurück. Was die sich wieder anstellt – nur weil’s dann am tiefsten Punkt nur noch 6 ° gehabt hat. Aber Gentlemen wie ich nun mal bin  – und weil man ja nie allein taucht! – begleitete ich sie zurück zum Ausstieg.

Ja. Ich muss zugeben, dass ich die „Bremse“ bei diesem Tauchgang war. Aber als wir dann wirklich „ganz unten“ waren, merkte ich, wie ich anfing zu zittern. Obwohl ich unter meinem Neopren noch einen Unterzieher hatte war es doch deutlich zu kalt für mich. Es tat mir zwar unglaublich leid für Jonathan, denn der sollte in der Tiefe nochmal einen Knoten üben, aber ich hielt es nicht mehr aus. Das macht weder Sinn noch Spaß, wenn es dann doch so kalt ist. Beim höher tauchen merkte ich zwar, dass es deutlich wärmer wurde, aber inzwischen war ich so ausgekühlt, dass selbst das mir nicht mehr helfen konnte. Gezwungenermaßen und äußerst schlecht gelaunt begleitete mich Thorsten zum Ausstieg zurück, um mich hinterher mit Vorwürfen zu überschütten, was für eine Memme ich doch sei. Schnüff!

Frauen ist doch immer kalt. Mir war nicht kalt. Und meine Superthermo-Anzugheizung hat damit gar nichts zu tun!

Das Horka-Fahrrad

Das Horka-Fahrrad

Am Abend dann konnten wir dann das Bestehen unseres „Enriched Air Diver“ angemessen begehen: mit einem Grillabend, zu dem die Leute von der Tauchbasis eingeladen hatten. Wie ich schon schilderte, konnte ich keine selbst erlegten Fische beisteuern, aber okay, ich hab sie ja auch nicht vermisst.

Wenn wir auf die Fische angewiesen gewesen wären, die du hättest fangen wollen, würden wir heute noch da sitzen und auf das Essen warten.

Püh! Ich hätte nur noch ein paar Tarierübungen machen müssen, dann wären die ganz von selber gekommen. Aber Du hast mich ja nicht gelassen. Dafür erfuhren wir, was es mit den zweisprachigen Wegweisern und Ortsschildern auf sich hatte. Wegen der Nähe der Grenze hätte ich die zweite Sprache für Tschechisch oder Polnisch gehalten, aber es handelt sich dabei um Sorbisch (manchmal ist es erschreckend, wie wenig man das eigene Heimatland wirklich kennt). Und unser AOWD’ler erhielt seinen Spitznamen, den Annette bereits erwähnte: Knoppers. Warum? Nun ja, kennen Sie den Werbespruch „Morgens, halb zehn in Deutschland“? Während des Grillabends kam das Gespräch darauf, dass Jonathan es nicht immer so einfach hatte mit dem Aufstehen, dann fiel die Uhrzeit „halb zehn“ – und schwupps! Schon heißt man wie eine Milch-Haselnuss-Schnitte von Storck. Andere hingegen bekamen ihren Spitznamen von ihrer Herkunft (aha?) , und wiederum andere hatten Schwierigkeiten, überhaupt einen Spitznamen zu bekommen.

Komm, komm… du kannst den Leuten schon sagen, dass du „TomTom“ heißt – TomTom, das Navigationsgerät unter Wasser….

TomTom?? Es sollte schon was cooles, passendes sein. Obwohl… TomTom…

Lieber TömTöm? Ist das cooler? 🙂

Jupp, der Abend war lustig. Majki stieß mit uns auch auf unseren Erfolg an, ebenfalls Jonathan war den edleren Tropfen gegen später nicht abgeneigt. Am Anfang noch zurückhaltend genemigte er sich den ein oder anderen Drink aus dem Glas, nur um zum Schluß den Drink gleich aus der Flasche zu nehmen. Auch Majki kam in beschwingte Stimmungslagen und fiel den Leuten der Reihe nach um den Hals (Männer!), was von manchen Leuten als befremdlich aufgefasst wurde.

Grillabend

Grillabend

Der Einzige, der offenbar vernünftig mit Alkohol umgehen kann bin nun eindeutig ICH 🙂

Alkohol ist eine farblose, sich verflüchtigende Flüssigkeit, die beim Vergährprozess von Zucker entsteht und auf bestimmte, auf Kohlenstoff basierende Lebensformen giftig wirkt. (gäääääähn…zzzzzzzz…weck mich wenn der Vortrag vorbei ist…) Du magst damit umgehen können, ich weiß dafür Bescheid. Aber das Bild… das ist jetzt Deine Revanche für Dein Bild mit der Kopfhaube, was?

Ich weiß gar nicht was du willst! Das Bild ist doch nett! Endlich ist mal dokumentiert, dass du nichts freiwillig machst sondern dass man dich zu allem zwingen muss. 🙂

Aber Spaß beiseite, es war ein toller Abend und wir waren wirklich überrascht, wie großzügig und gastfreundlich die Sorben uns Fremden gegenüber waren. Sie werden es hier wohl nicht lesen… aber trotzdem noch mal ein herzliches Dankeschön!

Ja, auch von mir ein Dankeschön. Dieser Abend beendete unseren ersten Besuch am Tauchsee Horka. Wir hatten ein neues Brevet, neue Erfahrungen gemacht und fühlten uns nun gerüstet für den großen Urlaub in Ägypten, der kommen sollte. Und wir fassten den Entschluss, nach dort zurück zu kommen. Unbedingt. Aber bis zum Urlaub sollte es noch ein Weilchen hin sein, trotz allem. Was konnte man in der Zwischenzeit tun?