Das etwas andere Blog über das Tauchen.

Kategorie: Tauch-Theorie (Seite 2 von 2)

Scuba Diver: Was danach kam

Irgendwie könnte die Geschichte damit zu Ende sein. Ist sie aber nicht. Zu Ende war lediglich unser Urlaub in Ägypten. Oder sie könnte langweilig werden. Tut sie aber nicht. Auf dem Rückflug von Hurghada gab es für uns hauptsächlich ein Gesprächsthema: Tauchen. Wir wollten uns um Trainingstauchgänge im Schwimmbad bemühen, um wenigstens “drin” zu bleiben.

Zurück in Deutschland geschahen zwei Dinge: Zum einen stand bei mir sofort die Urlaubsplanung für das kommende Jahr an, zum anderen bekam ich einen Hinweis auf einen Kollegen, der selber Taucher war und uns möglicherweise bei unseren Schwimmbadtauchgängen würde helfen können.

Dann geschahen nochmal zwei Dinge: Ich konnte mich bei der Urlaubsplanung nicht mit Annette absprechen und nahm auf gut Glück den gleichen Zeitraum wie im Vorjahr für einen Urlaub. Bei einem Treffen stellte sich heraus, dass sie das gleiche gemacht hatte – für den gleichen Zeitraum. Hier entstand eine neue Idee: Wir würden weitermachen – die nächste Stufe auf der Leiter, den “Open Water Diver” (OWD). In Ägypten, im November. Wieder waren wir elektrisiert, so wie an dem Tag, als wir die Entscheidung fällten, den Tauchkurs zu machen. Allerdings wussten wir diesmal, dass wir nicht ganz so nervös werden würden. Hoffentlich!

Mein Kollege entpuppte sich als Instructor, genau das, was wir brauchten, um uns auf den “Open Water Diver” vorzubereiten. Er hatte sogar die Möglichkeit, uns Leihausrüstungen zu besorgen, da er bei einem Rettungstaucherzug war. Und er würde es organisieren, dass wir mit ihm zum Training in ein Hallenbad kommen könnten.

Gleichzeitig überlegten Annette und ich, ob es nicht gut wäre, den einen oder anderen Ausrüstungsgegenstand doch anzuschaffen. Also begannen wir, verschiedene Tauchshops aufzusuchen und ließen uns beraten. Umfassend. Obwohl es eigentlich nicht nötig war. Schließlich wollten wir nur das eine oder andere. Oder? Also zum Beispiel einen eigenen Tauchcomputer… vielleicht Regulatoren…

In der Folgezeit ging ich meinem Umfeld auf die Nerven mit meiner doch sehr stark vorhandenen Begeisterung für das im Urlaub begonnene Tauchabenteuer. Ich begann, mich tiefer in die Materie einzuarbeiten, bestellte Kataloge und suchte mein Arbeitsmaterial von der Rettungsdienstschule wieder zusammen. Das war allerdings nicht hilfreich, da es mittlerweile hoffnungslos veraltet war. Und dann war da Weihnachten. Von meiner Familie bekam ich ein Tauch-Diorama geschenkt, das als Dekoration für ein Geldgeschenk diente (das in einen Ausrüstungsgegenstand investiert werden sollte). Und von Annette ein Buch über die Fische des Roten Meeres. Das hat mich sehr überrascht, aber natürlich auch sehr gefreut.

Tauch-Diorama

Und dann passierte eine von den Merkwürdigkeiten, die das Leben manchmal bereithält: das Hallenbad, in dem wir unser “Training” abhalten sollten, brannte im Januar ab, nur Tage bevor wir dort sein wollten. Damit fiel das Training erstmal flach, eine Ausweichmöglichkeit gab es nicht. Ab Mai würde das Freibad öffnen und es sah so aus, als würden wir uns bis dahin vertrösten müssen. Mittlerweile waren unsere Gedanken über die eigene Ausrüstung weiter gediehen. Weiter als gedacht. Ein Neoprenanzug war mit “auf die Liste” gekommen, außerdem war ich entfacht für eine spezielle Tarierweste, die ich in einem Tauchladen gesehen hatte. Unser Plan war nun, bis November Stück für Stück anzuschaffen, damit wir für den Ägypten-Urlaub die Sachen beisammen haben würden.

Doch wieder wurde alles über den Haufen geworfen, respektive, ich warf meine Ideen über den Haufen. Unablässig sagte eine leise Stimme in meinem Hinterkopf: “Wenn Du es willst, dann tu es doch!” Warum auch nicht? Ich informierte mich weiter, besonders über die Tarierweste, die ich ins Auge gefasst hatte. Die war teuer, aber andererseits genau das, was einer ganz speziellen Eigenart von mir entgegen kam. Der erste wirkliche “Ausrüstungsgegenstand”, den ich mir dann anschaffte, war jedoch ein Neoprenanzug. Das hatte recht pragmatische Gründe, er gefiel mir, er passte und ich sah gut drin aus. 😉 Aber damit fing es an. Einen Monat später hatte ich den Großteil meiner Ausrüstung zusammen, einschließlich der Tarierweste, die mir ins Auge gefallen war. So viel zum Thema “bis zum November”.

Ein Problem bestand aber weiter: Was würde aus unseren Trainingstauchgängen werden? Ich hatte mich mittlerweile weiter erkundigt nach Tauchschulen und lernte etwas kennen, das ich die “Drei-Minuten-Regel” nannte – wann immer ich unsere Situation erklärte und nach Schwimmbadtauchgängen fragte, wurde ich nach spätestens drei Minuten gefragt, ob wir nicht gleich hier in Deutschland den OWD fertig machen wollen. Zu dem gewünschten Training kamen wir nicht. Dann kam mir eine Kollegin und gute Freundin zu Hilfe, aber eigentlich unfreiwillig – was wieder eine jener Geschichten war, die von Zeit zu Zeit passieren. Besagte Freundin war eigentlich auf der Suche nach Hotels in und um München. Dabei war sie auf ein Hotel gestoßen, an dem ein so genanntes Indoor-Tauchcenter angeschlossen war. Ich hatte einige Dinge zu klären, denn immerhin brauchten wir immer noch einen Instructor als Begleitung, aber schließlich war es so weit – wir sollten endlich zu unserem ersten Tauchgang machen nach unserem Kurs. Mittlerweile war es April. Annette hatte leider nicht ganz so viel Glück gehabt wie ich, denn zum Teil scheiterte der Erwerb ihrer Ausrüstung daran, dass sie einfach nichts passendes fand. Aber sie machte einen Laden in der Nähe von München ausfindig und wir sollten unseren Tauchausflug gleich mit einem “Kaufausflug” verbinden. Aber das soll sie selbst berichten.

Die Situation hatte sich nun völlig verändert – mal wieder. Bevor wir überhaupt einen einzigen Tauchgang in Deutschland hinter uns hatten, hatten wir tatsächlich unsere Ausrüstung soweit zusammen. Kleinigkeiten fehlten nur noch, aber dem Tauchen stand nichts mehr im Weg. Unsere Überlegung war nun, falls uns das Indoor-Tauchcenter zusagen sollte und das mit den Tauchlehrern dort reibungslos funktionieren, dass wir bis November ein paar Mal dort hinfahren und unser geplantes Training doch noch durchziehen. Ja. Gute Idee. Aber vielleicht kennt jemand noch dieses Sprichwort:

“Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt…”

Scuba Diver: Der Erhalt des Brevets – Annettes Version

Es war soweit.

Endlich, endlich konnte ich das Wasser verlassen. Gott war ich froh. Runter mit dem schweren Zeugs. In dem Moment war ich wirklich froh, auch wenn ich die kleine, leise innere Stimme, die “schade schade” sagte, hartnäckig überhörte.

Wir spülten grob unsere Ausrüstung ab, dann machten wir uns zum Imbiss fertig. Wir nahmen auf der Bank unten bei den Tauchflaschen Platz und aßen. Dabei schwärmten wir natürlich von den Delfinen. Die Freude war allerdings recht kurz, denn kaum dass wir den ersten Bissen im Hals hatten, erschien auch unser werter Herr TL wieder auf der Bildfläche. Mit einem riesigen Ordner. Er setzte sich auf den Boden vor uns und erklärte, dass wir mal wieder ein paar Fragen beantworten müssten. Hier möchte ich sagen, unser TL war ein wirklich lieber Kerl. Meine Sorgen, die ich anfangs hatte, hatten sich nicht bestätigt. Mit ihm zu tauchen war toll. Aber so langsam ging mir dieses Fragen-Beantworten auf den Zeiger. Hatte man denn nirgendwo seine Ruhe?

OK. Es verkürzte die Zeit der Rückfahrt. Schließlich legten wir wieder an der Basis an. Wir gaben unsere Tauchausrüstung zurück, dann warteten wir. Wir müssten doch noch zahlen? Unser TL erschien. “So Leute, jetzt müssen wir noch ein Foto von Euch machen. Für Eure Tauchscheine!”

WIE  BITTE? Ich erschrak. Fotogen wie ich nun mal bin… und dann noch nach 2 Tauchgängen! Das Bild, was jetzt entstehen würde, hätte ohne Weiters Platz auf dem RAF-Plakat gehabt. Hatte der Mann denn keine Augen im Kopf? “Muß das jetzt sein?”, widersprach ich vorsichtig. “Können wir das nicht morgen machen?” Er grinste. Entweder kannte er das Problem der Damenwelt mit den Fotos oder er dachte sich, dass das “Morgen” bei mir auch nicht mehr viel ändern würde. “Nein, jetzt!” Er bestand darauf. Klasse.

Zuerst dachte ich, die Kamera sei mit mir gnädig, denn der Akku war leer. Doch ich freute mich zu früh. Tatsächlich besaß diese Basis einen Ersatzakku. Unser TL hatte inzwischen angefangen, unsere Papiere fertig  zu machen, da erschien der freundliche, nicht deutschsprachige Mensch vom Informationsdesk des Hotels. Mit Kamera. Thorsten stellte sich professionell auf, *blitz, und das Bild war im Kasten. Nun war ich dran. Der nette Mensch erklärte mir, dass er die Fotos den Damen hinterher nicht zeigen würde, denn sonst wäre er den ganzen Tag nur am fotografieren. Ein Bild, das wars. Super, dachte ich, dann trifft mich wenigstens zu Hause erst der Schlag. Ich stellte mich auf. *blitz. Ich wollte gehen. “Stop!”, rief der Herr, “I have to take another one!” WAS? Hatte er nicht gesagt, dass er nur ein Foto…na, ich sah ja bestimmt toll aus. Es lag aber daran, dass ich zu früh weggelaufen war. 😀 Ich ging in die Geschichte ein als Frau, die von TGI Diving zweimal fotografiert wurde!

Die Zeit des Abschieds war gekommen. Natürlich nicht, ohne ein paar Ratschläge unseres TLs. Er erzählte noch eine Menge. Ob wir denn nicht gleich den OWD fertig machen wollten… (NEIN! Ganz sicher nicht!). Es würde uns schon bald auf die Nerven gehen, wenn wir immer einen “Babysitter” dabei haben müssten… (NEIN! Ist doch gut so!). Schon bald würden wir anfangen, uns unsere erste eigene Tauchausrüstung auszusuchen… (NEIN!  Bin ich Krösus? Das Zeug kann man doch überall leihen!). Wir sollen in Übung bleiben, und wenn es nur Schwimmbadtauchgänge sind… (Was heißt hier NUR? Wer will denn ins Freiwasser?). Außerdem sollten wir uns mal im Bekanntenkreis umhören, es wäre interssant, wieviel Leute tauchen würden von denen wir das gar nicht  wüßten (KENNT er unseren Bekanntenkreis? KEIN Mensch taucht von den Bekannten!).  Schließlich mussten wir uns trennen. Am nächsten Tag sollten wir wieder erscheinen, denn leider hatte die Basis kein Kartenlesegerät für die Kreditkarte, so dass wir das bar bezahlen sollten. Und das Geld mussten wir erst einmal besorgen.

Auf dem Rückweg zum Hotelzimmer fiel eine riesige Last von mir. Ich hatte es geschafft! Ich besaß einen Tauchschein! Auch wenn er beschränkt ist, aber immerhin! Ich schwatze mit Thorsten. Auch er war völlig aus dem Häuschen. Trotzdem wunderten wir uns ein bisschen über die Ratschläge unseres TLs. Eigene Ausrüstung? Als Anfänger? Wo dachte der Mann denn hin?  Ok, einen Tauchomputer könnte man sich vielleicht gönnen, aber sonst… Und in den heimischen Gewässern tauchen? Nie im Leben! Im Bodensee sowieso nicht, da passiert ja ständig was. Zudem kennen wir keinen TL. Schwimmbad, ja. Das könnte man vielleicht noch organisiert kriegen. Vage machten wir beide Andeutungen, dass man ja eventuell nächstes Jahr irgendwo mal eine Woche hinfliegen könnte, in der man dann “auch” tauchen gehen würde. Ich glaube aber, dass das zu diesem Zeitpunkt eher einfach daher gesagt war. Ohne ernsthaften Hintergrund. Wir waren ja schließlich nicht so hart drauf wie unser Tauchlehrer!

Wir gingen zum Abendessen. Wie sehr wir beide doch in den letzten Tagen angespannt waren, merkten wir erst jetzt. Nach zwei Tagen voller Konzentration und Selbstbeherrschung legten wir sämtliches “gutes Benehmen”, was wir uns in unserer Kindheit antrainiert hatten, ab. Die Kellner waren sicher sehr erstaunt über uns. Wir lachten  uns am Tisch kaputt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Über jeden Blödsinn. Und über reale Situationen. Wir hatten eine Kerze auf dem Tisch stehen. Die fing plötzlich an zu flackern und es drohte, ein Flächenbrand auszubrechen. Hat uns das gestört? Nein! Wir haben uns über die Kerze schief gelacht. Und sind aufgestanden, um  uns Nachschlag am Büffet zu holen! Ich kam als erste vom Büffet zurück und merkte gleich, dass die Kerze ausgetauscht worden war. Schade eigentlich. Wir waren wirklich albern. Und als wir abends auf unserem Balkon saßen, endete das Gelache nicht. Wir hatten den Eindruck, etwas Tolles getan zu haben. Zwar waren wir uns einig, dass wir sicher keine Hobbytaucher würden, die an jedem Wochenende irgendwo anders unter Wasser sitzen,  sondern eher sogenannte “Schön-Wetter-Taucher”, aber das würde uns auch reichen. So im Urlaub mal an ein schönes Riff… mehr braucht der Mensch doch nicht. Und natürlich bei warmen Wasser und guter Sicht.

Wie sehr wir uns täuschten! Oh ja! Das merkten wir erst zwei Tage später… beim Ausflug mit einem Segelboot. Wir hatten eine Schnorcheltour gebucht. Denn das war ja eigentlich unsere Absicht gewesen.

An dem Morgen, als wir zum Schnorcheln gehen wollten, mussten wir noch unseren Tauchschein bezahlen. Unser Hotel hatte einen Geldautomaten, aber leider… konnte man nur 500 ägyptische Pfund auf einmal herauslassen. Das heißt, um das Geld zu holen, mussten wir pro Person 7 Mal an den Automaten! Vor uns war ein Mann, der offenbar auch mehr Geld benötigte. Schließlich drehte er sich entschuldigend um mit den Worten, er müsse Geld für seinen Tauchschein abheben. Wir lachten. Genau das hatten wir ja auch vor. Schließlich hatten wir knapp eine halbe Stunde später unser Geld. Wir gingen zur Tauchschule zurück, um zu bezahlen. Da waren die Taucher. Sie beluden das Boot. Wir setzten uns und warteten auf den “Boss”. Ich ließ meinen Blick schweifen. Auch wenn ich es nicht zugeben wollte, mich beschlich ein wenig das Gefühl des Neides. Mit Abstand betrachtet war das doch wirklich toll im Roten Meer gewesen. Und die alle durften jetzt tauchen. Hätten wir nicht doch lieber den OWD fertig gemacht?

Meine Gedanken wurden jäh unterbrochen, als wir dann wirklich zahlen mussten. Oh weh, war das ein Hick Hack. Der Basisleiter musste die Geldscheine zählen. Er machte fast eine Doktorarbeit draus. Aber schließlich war es soweit. Wir bekamen vorläufige Brevets, PADI würde uns unsere endgültigen Brevets dann zuschicken. Jetzt mussten wir uns wirklich trennen. Ich weiß nicht, wie es Thorsten in dem Moment erging. Wir hatten es eilig, denn der Bus, der uns zu dem Segelboot bringen sollte, würde jeden Moment kommen. Aber Zeit, Bedauern zu empfinden, hatte ich allemal noch…

Scuba Diver: Der Erhalt des Brevets – Thorstens Version

Wir hatten es also geschafft. Aber so einfach wollten wir das dann doch nicht machen. Nein, ein Beweisbild musste schon sein. Leider hatte ich – trotz der wasserdichten Verpackung – meine Kamera nicht auf die Tauchgänge mitnehmen können, da die Hülle nur bis 10 Meter Tiefe dicht hält, wir aber bei beiden Tauchgängen auf 12 Metern waren. Tja, vor dem Urlaub hatte sich das noch so toll angehört, bis 10 Meter Tiefe… tiefer wird man ja wohl kaum kommen. Wir wollten doch nur schwimmen und schnorcheln. So kann man sich irren.

Also wurde meine Kamera von einem Besatzungsmitglied des Tauchboots ins Wasser gereicht und unser Tauchlehrer bot sich an, das Bild von uns beiden zu machen. Nun muss man dazu folgendes sagen: Wir waren beide erledigt, physisch, psychisch und wir hatten gewisse Erfolgserlebnisse gehabt, die uns in eine gewisse Hochstimmung versetzten. Vielleicht war auch noch der Reststickstoff für letztes mitverantwortlich, wer weiß. Jedenfalls meinte unser Tauchlehrer, uns mit einem flotten Spruch zum Lächeln zu bringen fürs Foto. Er visierte uns an und meinte: “So, und jetzt sagt mal ‘Steuerrückerstattung’!”

Zu viel des Guten - "lächeln", nicht "sich ausschüten vor Lachen"!

Sie finden das jetzt nicht soooo witzig? Mag sein. Aber wie gesagt, in der Situation, in der wir waren, brach es einfach aus uns heraus. Ich glaube, ich hätte in dem Moment alles lustig gefunden, selbst wenn der Tauchlehrer sowas gesagt hätte wie “Hinter Euch ist ein Hai!” Aber er war gnädig und machte noch eins.

Summon the Heros!

Na gut, ich lächelte nicht so arg, weil mich die Sonne genau blendete, aber trotzdem, das Bild hat was. Der Beweis, dass wir wirklich tauchen waren. Na ja… okay… nicht wirklich ein Beweis fürs Tauchen, aber egal. Zumindest ein Beweis, dass wir Neoprenanzüge angehabt hatten und im Wasser waren. Dann raus aus dem Wasser, raus aus den Klamotten, fertig für heute.

Fertig für heute? Nein, nicht ganz. Theorie war nochmal angesagt, respektive das Abfragen derselben, Erklärungen und natürlich die obligatorische Tauchgangsnachbesprechung. Aber zuvor hatte ich noch eine Begegnung, die mein geistiges Fassungsvermögen etwas überstieg. Es waren sehr viel Eindrücke gewesen, die ich an diesem Tag gesammelt hatte. Und dann, gerade als ich wieder mal trocken und in “Zivilkleidung” war, stürmte die Schweizerin auf mich zu und fragte mich aufgeregt: “Did you see the dolphins??”

Vermutlich setzte ich in dem Moment einen der dämlicheren Gesichtsausdrücke auf, über die ich verfüge. Das war etwas zu viel – eine Schweizerin, die sich in Ägypten mit mir – einem Deutschen – auf Englisch unterhält? Verstand, bitte hilf mir!

Nö, keine Lust. Sieh doch selbst zu, wie Du klarkommst! Ich hab heute schon genug gearbeitet!

Zum Glück kam unser Tauchlehrer dazu. “Die beiden wissen noch gar nicht, was sie für ein Glück gehabt haben”, meinte er. “Der zweite Tauchgang, und schon kriegen sie Delfine aus der Nähe zu sehen.” Und einer der anderen Taucher, der mit dabei stand, meinte: “Stimmt, ich habe schon über hundert Tauchgänge hinter mir, und das ist das erste Mal, dass ich Delfine sehe.” Wow. Zu mehr war ich in dem Moment nicht mehr fähig.

Irgendwann waren wir zurück an der Basis und der Tag neigte sich dem Ende zu. Aber Moment! Erst mussten noch Bilder gemacht werden für unser Brevet. Bilder? Ich sah bestimmt furchtbar aus. Tat ich auch. Und das Bild ist jetzt auf meinem Tauchschein drauf. Ganz Klasse. Ich lächle zwar freundlich, sehe aber aus, als ob ich in einen Fallwind geraten wäre. Und es gab keine Gnade – keine Wiederholung. Das erste Bild wurde genommen. Anders bei Annette. Ja, Madame hat mal wieder eine Extrabehandlung bekommen. Sie wurde zweimal fotografiert.

Zuletzt saßen wir an einem Tisch vor der Tauchbasis und bekamen unsere vorläufigen Brevets ausgehändigt. Wir hatten die Ausbildung bestanden und dürften von jetzt an tauchen gehen. Zum Beispiel auch zu Hause in Deutschland. Aber nicht doch… wer will das denn? Und dann gab uns unser Tauchlehrer noch ein paar Weisheiten mit auf den Weg.

  • Wollt Ihr nicht die nächste Stufe, den “Open Water Diver”, gleich noch mitmachen? – Ach ne, warum denn? Außerdem ging sich das zeitlich nicht mehr aus, wir hätten zwei Tage gebraucht, aber schon eine Schnorcheltour gebucht, und nach der Tour hätten wir nur noch einen Tag gehabt.
  • Es wird Euch aber bald nerven, “nur” Scuba Diver zu sein und immer so einen Aufpasser dabeihaben zu müssen. – Nein, nein, ist schon ganz okay so, da ist wenigstens immer einer dabei, der Ahnung hat.
  • Ihr werdet bald anfangen, Eure eigene Ausrüstung anzuschaffen. – Wie kommst Du denn da drauf? Das Zeug kann man doch überall mieten, wer braucht denn schon eine eigene Ausrüstung, wenn man nur als Urlaubstaucher unterwegs ist? Na ja, vielleicht so ein paar Kleinigkeiten, wo’s schon nicht schlecht ist, was eigenes zu haben, aber sonst… nein.
  • Ihr solltet unbedingt auch in Deutschland weitermachen mit dem Tauchen, und sei es im Schwimmbad. Besser aber im Freiwasser. – Freiwasser? Du meinst, in Deutschland in so ‘nen See? Trübe, kalt – nein Danke! Schwimmbad, okay. Mal sehen, was wir da hinkriegen. Vielleicht.

So gingen wir in unser Hotelzimmer zurück, machten uns etwas frisch und gingen direkt zum Abendessen. Im Gegensatz zu dem Zeitpunkt nach dem ersten Tauchgang hatten wir nun unsere alte Form wieder und redeten, was das Zeug hielt.  Wir könnten ja, schlug Annette vor, im darauffolgenden Jahr wieder einen gemeinsamen Urlaub machen und uns einen Ort aussuchen, wo es auch Tauchreviere gibt. Dann könnten wir schwimmen, schnorcheln und tauchen. Ich weiß noch genau an welcher Stelle das war: Unsere Hotelanlage war weitläufig mit vielen Wegen und Brücken. Von unserem Bungalow aus den “Hauptweg” entlang kam man schließlich auf eine Kreuzung, von wo aus man entweder weiter in Richtung Strand und Tauchbasis gehen konnte (nach rechts) oder auf eine Brücke zu, die direkt zum Hauptgebäude führte, wo sich das Restaurant befand (nach links). Genau an der Kreuzung war es. Ich weiß das deswegen noch, weil ich begeistert von der Idee war. Manche Situationen speichern sich bei mir sehr deutlich im Gehirn ab, so auch diese.

An diesem Abend beim Essen wurde, so kann man das sicherlich sehen, der Grundstein für die Webseite der “Flat Flute Divers” gelegt (Sie baden gerade Ihre Hände drin. – Im Internet? – Nein, bei den Flat Flute Divers!). Aber zu dem Zeitpunkt ahnten wir das noch nicht. Dadurch, dass wir jetzt fertig waren mit dem Tauchschein, fiel der Druck der letzten zwei Tage von uns ab und wir waren stolz auf unsere Leistungen. Und was machten wir? Wir wurden albern. Am Tisch malten wir uns Szenen aus, etwa wie unser Tauchlehrer an uns verzweifelt und ähnliches – und lachten uns darüber kaputt. Wir lachten über uns selbst. Darüber, wie wir uns angestellt hatten und wie wir uns wohl noch anstellen werden, wenn wir nächstes Jahr wieder aufkreuzen, so als Urlaubstaucher, und was unser Tauchlehrer dann sagen würde… “hm, ja toll, Leute, Ihr habt zwei Tauchgänge im Meer von Eurem Scuba-Diver-Kurs und zwei anschließend im Schwimmbad, und das innerhalb eines Jahres, suuuuuper!” Überhaupt, unser Tauchlehrer. Der arme Kerl hat für mehr als eine ausgedachte Szene herhalten müssen, wie er an uns (und unseren nicht vorhandenen Fähigkeiten) den Glauben an die Menschheit verliert.

Wir waren so albern, dass nicht mal die Tatsache, dass uns fast der Tisch abgebrannt wäre, aus der Ruhe brachte. Im Gegenteil, wir fanden das ziemlich witzig. Nach dem Essen saßen wir noch auf dem Balkon unseres Bungalows, und noch immer lachten wir uns kaputt. Schön, das hatten wir also geschafft. Wir hatten tatsächlich einen Tauchschein gemacht. Jetzt wollten wir uns noch auf ein paar schöne Tage mit Pool und Schnorcheln konzentrieren, bevor es auch schon wieder heimging ins kalte Deutschland (es war ja immerhin November).

Wir mussten aber noch den Tauchkurs zahlen. Dazu mussten wir zweimal wiederkommen. Denn die Tauchbasis sollte ein neues Kreditkartenabrechnungssystem erhalten. “In 24 hours – Egyptian time!”, hatte der Leiter der Tauchbasis gesagt, deswegen waren wir nochmal wieder gekommen. Nun heißt der Zusatz “Egyptian time”, dass man nicht davon ausgehen konnte, dass die Zusage, etwas sei innerhalb von 24 Stunden gemacht, auch bedeutet, dass es sich dabei um 24 Stunden handelt, wie sie man sie mit einer präzis funktionierenden Uhr misst. Mehr so eine Uhr, die sich grob nach dem Wasserstand des Roten Meeres richtet. Jedenfalls bescherte uns das noch einen Besuch an der Tauchbasis, da wir dann das Geld vom Automaten holen mussten, um bar zu zahlen. Das war schon komisch, da wieder hinzugehen. Wir wurden freundlich begrüßt und sogar gefragt, ob wir nicht mitkommen wollen auf die heutige Tour. Nein, wir hatten doch das Schnorchelpaket gebucht und schon bezahlt.

Während wir dann in der Hotelhalle saßen und darauf warteten, dass unser Transfer zur Schnorcheltour kommen würde, schlich sich bei mir ein merkwürdiger Gedanke ein. Ich stellte mir vor, wie es wohl wäre, wenn unser Tauchlehrer plötzlich vorbeikommen und freudestrahlend verkünden würde: “He Leute, das Schiff von Eurer Schnorcheltour hat Mast- und Schotbruch, die Tour ist abgesagt. Aber Ihr könnt stattdessen bei uns mitkommen zum Tauchen!” Ich wischte den Gedanken bei Seite. Unser Tauchlehrer würde so oder so nicht vorbeikommen, der hatte uns nämlich erzählt, dass er direkt im Anschluss an unseren Kurs als Begleiter auf eine Safari gehen würde.

Dann kam unser Bus. He, Hauptsache, raus aufs Meer… schwimmen, schnorcheln… ist doch auch was.

Scuba Diver: Zwischen Pool und Meer – Annettes Version

Auf dem Rückweg zum Hotelzimmer wurden wir beide ungewohnt still. Hatten wir doch tagsüber viel gelacht, so merkte ich langsam, dass sich bei mir die ersten Zweifel einstellten. Der anfängliche Höhenflug setzte langsam zur Landung an. Die Freiwassertauchgänge machten mir Sorgen.

Im begrenzten Wasser zu tauchen, noch dazu in einem flachen Pool, war nun wirklich kein Hexenwerk. Die Übungen, die wir gemacht hatten, klappten auch alle gut. Zu gut. DAS war das Problem. Ich überlegte. Was würde passieren, wenn ich am nächsten Tag plötzlich die Nerven verlieren würde? Wäre ich imstande, das Gelernte, das sich bis dahin sicher noch nicht gesetzt hatte, anzuwenden? Könnte ich mir helfen? Ich dachte weiter nach. Meine  Güte, 12 Meter! 12 Meter waren doch schon ein ganzes Stück. Ich fing an, Vergleiche zu ziehen. Wieviel waren 12 Meter?

Thorsten erging es wohl ähnlich. Den ganzen Abend lang besprachen wir unsere Sorgen und lasen, was das Zeug hielt. Aber die Lösung fanden wir im Buch natürlich auch nicht. Ich sah auf. Unser Bungalow hatte eine Kuppel. Wie hoch das wohl war? “5 m vielleicht”, schätze Thorsten. WAAAS? DAS waren NUR 5 Meter? Oh Gott. Allein das jagte mir schon Angst ein. So viel Wasser über einem, und dann sollte man in 12 m Tiefe auch noch die Übungen von heute machen? Atemregulator rausnehmen? Was, wenn ich wieder Wasser schlucken würde? Da wäre ich nicht mit einem Satz aus dem Wasser.

In dieser Nacht schliefen wir beide extrem schlecht. Mich beschlich das Gefühl, dass ich mich mit der Entscheidung, “mal das Tauchen auszuprobieren”, leicht überschätzt hatte. Andererseits bin ich ein Mensch, der sich durchbeißt. Aufhören kam nicht in Frage.

Am nächsten Morgen erschienen wir pünktlich an der Tauchschule. Unser TL kam mit uns gleichzeitig. Er strahlte. Im Gegensatz zu uns. Unser Lächeln an dem Morgen ähnelte eher einem Kieferkrampf.

Dem Discover Scuba Diver erging es offenbar nicht anders. Er erzählte uns, dass er ebenfalls schlecht geschlafen hatte. Der vierte im Bunde war gar nicht erst erschienen. Ich ließ meinen Blick aufs Meer schweifen. Da war es. Das Tauchboot. Ich erschrak. Es war größer, als ich es mir vorgestellt hatte. Ein Boot von dieser Größe wollte ich nicht von unten sehen.

Schnell verdrängte ich diesen Gedanken. Unser Tauchlehrer brachte uns zum Boot und verlud unsere Ausrüstung. Er wies uns kurz in die Örtlichkeiten ein und erklärte, dass wir unsere Ausrüstungen erst dann zusammenschrauben würden, wenn alle anderen fertig waren. Sonst wäre das so ein Durcheinander. Mir war das Recht. Ich brauchte erst mal einen Moment, um mich zu einzugewöhnen.

Thorsten und ich setzten uns oben aufs “Sonnendeck”. Dann legten wir ab. Von unten war Lärm zu hören, offenbar schraubten alle Taucher an ihren Ausrüstungen rum. Nachdem es ruhiger wurde schlug ich Thorsten vor, dass wir das jetzt auch machen sollten. Insgeheim wollte ich vermeiden, dass ich dabei beobachtet wurde. Wir schlichen die Treppe runter. Unten war es still, wir waren die beiden einzigen. Perfekt. In aller Stille montierten wir unsere Flaschen. Danach gingen wir wieder hoch.

Kaum saßen wir wieder, erschien auch unser TL auf der Bildfläche. “So Leute”, sagte er, “jetzt können wir loslegen mit der Ausrüstung.” “Haben wir schon montiert”, antworteten wir beide. Dies war eine der wenigen Gelegenheiten, in denen wir unseren TL baff sahen. “Wirklich”, fragte er, “na, dann lasst mal sehen.”

Bis auf Kleinigkeiten war alles richtig. Zum Glück. Und ich hatte sogar ohne Anfeuerungen die Tauchflasche montiert bekommen! Gerade wollten wir die Treppe wieder hochgehen, da rief uns der TL zurück. Wir müssten mit ihm noch ein paar Fragen klären. Es folgte eine gute Stunde Tauchunterricht auf deutsch. Er wiederholte alles vom Vortag nochmal, auch die Theorie.

Wir saßen in der Kajüte. Wir merkten vor lauter Fragen beantworten gar nicht, wie die Zeit verging. Plötzlich wurde es wieder lauter. Die Taucher versammelten sich. Wir näherten uns wohl unserem ersten Tauchplatz. Da der Discover Diver nicht so tief runter darf wie der Scuba Diver, hatte unser TL nur noch zwei Tauchschüler: uns beide. Der Kollege würde mit jemand anderen tauchen.

Die Taucher brachen auf, um sich umzuziehen. Da kam unsere Schweizerin vorbei (die mit unserem Kollegen tauchte) und warf unserem TL eine Karte auf den Schoß. “Hier”, sagte sie, “damit du noch was erklären kannst.” Unser TL beendete erst mal seinen Unterricht, dann erzählte er uns, dass erst alle anderen das Tauchboot verlassen würden, bevor wir absprangen. Abspringen?

Ich erinnerte mich, dass ich beim Einstieg über eine Plattform gelaufen war. Diese war ca einen halben Meter über Wasser am Heck. Und von da würden wir abspringen? Oh weia, dachte ich, bloß nicht umdrehen. Ich springe direkt neben den Schiffsschrauben ins Wasser. Das ist Horror pur für mich.

Aber es sollte noch schlimmer kommen. Der TL schlug die Karte auf. “So, Leute”, sagte er, “und das ist das Tauchziel! Das ist das Wrack der Ghiannis D!” Er strahlte aus allen Knopflöchern. Er selbst ist nämlich ein begeisterter Wracktaucher.  “Dieses Schiff sank vor 30 Jahren…”

ssssssssssssssssssssssssssssssssssssssssssssssssssssssssssssss

Der Rest seines Vortrages versank in einem fast unerträglichen Ohrgeräusch von mir. Ich starrte auf die Karte. Vor mir lag ein Wrack, kein Ruderboot, ein richtiges, ausgewachsenes WRACK. Sofort schossen mir Bilder durch den Kopf, Bilder, die ich noch aus Kinderbüchern kannte. Versunkene Schiffe, gespenstisch mit Tang behangen im trüben Gewässer… oh lass das nicht wahr sein!

Ich weiß nicht, wie lange ich nichts hörte. Mein Gehör setzte erst dann wieder ein, als der TL gerade von einer Kaminklappe sprach, durch die man durchtauchen könne. Nicht nur das Gehör kehrte bei mir zurück, mein Widerstand ebenfalls. “Das kannst du wohl mal ganz schnell vergessen, dass ich durch irgendwelche Kamine tauche”, fuhr ich ihn an. Mein TL war etwas erstaunt über diesen Ausbruch, schob es aber wohl auf meine Nerven. Trotzdem schossen mir unwillkürlich Bilder durch denKopf. Kamintauchen? Ist  das ein Weihnachtsspecial? Alle mit weißen Bärten und Säcken auf dem Rücken?

Nach der Einweisung brauchte ich dringend eine Pause. Ich lief aufs Deck. Und versuchte, in Sekunden einen Notfallplan zu erstellen. Ich konnte ja schlecht zum TL gehen und ihn anflehen, nicht zum Wrack zu tauchen! Und zugeben, dass ich mich vor Wracks fürchte konnte ich auch nicht. Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens behält mich der TL im Auge, wenn er weiß, dass ich Angst habe, und jedesmal wenn er mich anguckt, erinnert er mich an meine Angst. Das ist schlecht. Ich versuche schließlich selber, meine Angst einfach zu vergessen. Zweitens bekomme ich das Gefühl, wenn ich jemanden gestehe, dass ich Angst habe, ihm ein Stück weit die Verantwortung für mich zu übertragen, ich mache mich also von seiner Reaktion abhängig. Ich verlasse mich auf einen fremden Menschen und auf seine Fähigkeit, mich einzuschätzen – was er eigentlich nicht kann. Und das empfinde ich als sehr gefährlich. Ich muss selber zurecht kommen.  Also was sollte ich tun? Ich blickte aufs offene Meer… und prompt auf ein spitzes, rostiges Metallstück, das aus dem Wasser ragte. Sah aus wie ein… Bug?? Eines Schiffes? Schnell sah ich weg. Was war das hier? Friedhof der Schiffe? Wäre Steven Spielberg anwesend gewesen, dann hätte ich geglaubt, dass hier mein persönlicher Horrorfilm gedreht würde. Mit mir in der Hauptrolle.

Genervt drehte ich  mich um, und prallte mit unserem aufgeregten Discover Diver zusammen. Der zog mich sofort zur Reling. “Schau mal da!”, schrie er fast, “Kannst du das sehen?” WAS bitte soll ich da sehen? Mißmutig guckte ich  über die Reling. Delfine vielleicht? Irgendetwas hätte ich dringend gebraucht um mich aufzumuntern. Doch ich sah nur grün-blaues Wasser und irgendetwas schimmerte…..”Da kannst du es liegen sehen, das Wrack”, freute sich der Kollege. Entsetzt fuhr ich von der Reling zurück. Wo bitte war der Bus mit den Leuten, die das sehen wollten? Reichte das nicht, dass ich mir das unter Wasser antun musste?

Schließlich war es soweit. Alle Taucher waren abgesprungen. Nur wir blieben übrig. Nachdem wir eingekleidet waren und zum ersten Mal die volle Last der Ausrüstung am Leib verspürten, wankte ich mehr zum Heck als dass ich lief. Ich hatte das Gefühl, dass ich zu meiner eigenen Hinrichtung laufen würde. Auf der Plattform blieben wir stehen, Flossen anziehen, Buddycheck. Unser TL schien endlos zu reden. Ich hörte gar nicht zu. Inzwischen hatte ich nämlich noch ein Problem entwickelt. Entweder kollabierte ich jetzt auf der Plattform, und zwar vor Hitze, oder der TL sprang jetzt hoffentlich bald ins Wasser. Ich war kurz davor, vor ihm ins Wasser zu springen, um mir die längst fällige nasse Ohrfeige abzuholen, die ich dringend brauchte, um meine Sinne wieder zu richten, da sprang er endlich ab. Gott sei Dank. Wäre ich vor ihm gesprungen, hätte es sicher Ärger gegeben.

Kaum tauchte der TL ins Wasser, da sprang ich auch schon hinterher. Das kühle Wasser tat gut. Es hatte zwar nicht ganz die erhoffte Wirkung, aber zumindest war es mir nicht mehr schlecht. Ich ignorierte hartnäckig das Heck, drehte mich genau in die andere Richtung und wartete ab. Thorsten fehlte noch. Wo war er denn? Ich drehte mich dann doch mal zum Heck. Er stand auf der Plattform und sah besorgt ins Wasser. Was war los? Ich war etwas irritiert. Ok, er mag kein kaltes Wasser, das wußte ich ja, aber wir hatten doch die Ausrüstung. So kalt war es doch nicht. Ich konnte mir das nicht erklären. Der TL rief nach ihm. Ich überlegte kurz, ob ich ihn mit einem blöden Spruch ermutigen sollte (“Rock runter und ab ins Wasser!”) , doch gerade, als ihn loswerden wollte, verzog sich seine besorgte Miene zu einer Art Garfieldgrinsen. Ich merkte, dass das nicht der richtige Moment für einen blöden Spruch war, also hielt ich mein vorlautes Mundwerk. Ich hatte es ja auch gerade selber nötig, eine dicke Lippe zu riskieren!  Schließlich war es soweit. Thorsten landete neben uns. Unser TL erinnerte uns nochmal an die wichtigsten Dinge. Dann sollten wir den Abstieg beginnen…

Scuba Diver: Zwischen Pool und Meer – Thorstens Version

Nun hatten die Poollektionen also gar nicht so schlecht geklappt, obwohl ich bei jeder neuen Übung wieder nervös war. An diesem Abend galt es, unser Wissen zusammen zu bringen, also das, was wir aus den Filmen und von unserem Tauchlehrer gelernt hatten, mit Hilfe des Lehrbuchs zu etwas vernünftigen zu vereinen. Erstmal jedoch gab es Abendessen, und ich hatte auch Hunger. Man merkte es zwar nicht so direkt, aber es heißt nicht umsonst “Tauchsport” – es kostet Kraft, auch wenn wir nur im Pool herumgepaddelt waren. Während des Essens sprachen Annette und ich über unsere Erlebnisse und Erfahrungen und dass die Übungen so gut geklappt hatten. Und am nächsten Tag würde es wirklich ins Meer gehen. Auf mindestens zehn Meter Tiefe… Da wurden wir dann ruhiger. Nachdenklicher.

So langsam fingen meine Zweifel an zu wachsen. Das war doch alles viel zu glatt gegangen. Als wir dann auf unserem Zimmer waren und das Buch durchackerten, wurde es noch schlimmer. Und so langsam kamen mir wieder die Dinge hoch, die mich bisher eigentlich davon abgehalten hatten, das Tauchen ernsthaft anzugehen. Worauf hatte ich mich da eingelassen? Nicht nur, dass ich in aller Ausführlichkeit an die möglichen Gefahren erinnert wurde, es kam noch mehr dazu. Der Druck nahm zu, je tiefer man ging, das wusste ich schon. Aber das Lehrbuch machte einen darauf aufmerksam, dass das Atmen schwerer wurde, je tiefer man kam. Und was die Übungen für den nächsten Tag betraf, da gab es keine Ausreden mehr. Um für den Tauchschein gültig zu sein, mussten diese in mindestens zehn Metern Tiefe gemacht werden.

Als wir am Abend zuvor den Entschluss gefasst hatten, den Kurs zu machen, war natürlich auch die Überlegung, wofür man so einen Schein brauchen könnte. “Schön-Wetter-Taucher”, das war der Begriff, den Annette ins Spiel brachte. Das war letztlich auch das, was mir sympathisch schien. Wenn man im Urlaub ist, an einem netten, warmen Gewässer mit guter Sicht (wie dem Roten Meer), einfach eine Ausrüstung leihen und auf eine Exkursion gehen. Und da beim Scuba Diver der “Instructor” immer noch mit dabei sein musste, wäre das ja alles kein Problem.

Doch je mehr ich mich in die Materie vertiefte, desto mehr beschlichen mich Zweifel, ob ich nach dem nächsten Tag überhaupt weitermachen würde. Immerhin würde ich dann wissen, ob es nichts für mich ist und ich könnte mich in Zukunft wieder auf meine bequeme Position zurückziehen, wenn das Gespräch darauf kommen sollte. Aber den nächsten Tag würde ich noch durchziehen. Krieg ihn einfach rum! Das sagte ich immer wieder zu mir selbst. Doch das wurde zunehmend schwieriger. Schließlich las ich, dass es Menschen gab, denen unter Wasser schwindlig wurde, wenn sie “schwebend” in einigen Metern Höhe über dem Grund hingen. Vor allem, wenn die Sicht gut war. Wie zum Beispiel im Roten Meer. Na großartig. Ich bin bestimmt einer der Kandidaten, denen schwindlig wird, dachte ich mir. Immerhin hatte mein Gleichgewichtssinn mir früher dahingehend Probleme bereitet, dass ich beim Autofahren reisekrank wurde. Das verschwand zwar grundlos, als ich ein Teenager war, aber wenn ich von großen Höhen herunterblicke, kann es sein, dass mir immer noch schwindlig wird. Das hatte mit meiner Höhenangst zu tun.

Ich muss hier grundsätzlich mal etwas ausführen. Falls es Sie nicht interessiert, dann überspringen Sie diesen Absatz einfach. Aber ich möchte natürlich, dass Sie nach der Lektüre dieses Artikels zu sich sagen können: “Mensch, bei den FlutFluteDivers, da hab ich was gelernt!” Es ist nämlich so, dass die Umgangssprache mit bestimmten Begrifflichkeiten der Psychologie sehr schludrig umgeht. Banal gesagt sind einige Dinge, die man so umgangssprachlich sagt, falsch. Zum Beispiel wenn man sagt, jemand wäre “manisch depressiv”. Die meisten Menschen denken, so jemand wäre “besessen”, also extrem depressiv (eben manisch). In Wirklichkeit bedeutet es aber, dass sich Phasen der Hochstimmung (Manie) mit Phasen der Niedergeschlagenheit (Depression) abwechseln. Ähnliches gilt, wenn jemand von “Platzangst” spricht, und dabei die “Klaustrophobie” meint, also die Angst in geschlossenen Räumen. Der Begriff “Platzangst” ist ungenau und kann mit der Agoraphobie, der Angst vor großen, leeren Plätzen verwechselt werden.

Worauf will ich eigentlich hinaus? Nun, mit der “Höhenangst” verhält es sich ganz ähnlich. Bei der Akrophobie ist es nicht die Höhe an sich, sondern das Gefühl, abstürzen zu können, das die Angst auslöst. Wenn ich am Rand eines Abgrunds stehe und nach unten schaue, habe ich das Gefühl, die Schwerkraft sei hier stärker, als wenn ich einen Schritt zurück mache. Ich habe das Gefühl, die Schwerkraft hat mich am Kragen gepackt und versucht, mich herunter zu ziehen. Dabei ist es unerheblich, ob ich auf einer gerade mal zwei Meter hohen Mauer stehe oder auf einem vierzig Meter hohen Turm. Die “Höhenangst” sollte daher vielleicht eher “Fallangst” oder “Sturzangst” heißen.

Und wenn ich versuche, trotzdem nach unten zu sehen, kann es passieren, dass mir schwindlig wird. Ich konnte mir daher sehr gut vorstellen, dass das gleiche auch passiert, wenn ich schwebend über dem Meeresboden hänge. Immerhin macht es ja nicht “plumps!” und man ist auf zehn Metern Tiefe. Man muss ja irgendwie dahin kommen. Na, das konnte ja heiter werden.

Was Annette betraf, so merkte ich eine gewisse Aufgeregtheit, aber wenn wir uns unterhielten, hatte ich den Eindruck, es war nicht mehr als eine Aufgeregtheit, wie sie ein Schüler vor einer wichtigen Klassenarbeit hatte. Sie sprach zwar von den Booten und den Wracks, wegen derer sie Bedenken hatte, aber das konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Wir waren Anfänger! Man würde uns doch nicht sofort auf ein Wrack loslassen! Und vom Boot aus lostauchen – wir fuhren doch zu einem Riff und würden dort irgendwo festmachen und dann von Land aus ins Wasser. Tauchboote landen doch an, oder? Bei irgendeiner Insel. Es gab doch Inseln im Roten Meer? Natürlich gab es die, aber wurden die auch angefahren?

Ich hatte keine Ahnung.

Irgendwann half alles nichts mehr. Es war zu spät und wir sollten schlafen. Immerhin würde es am nächsten Morgen beizeiten losgehen. Die Nacht war unruhig, aber ich wollte mir nichts anmerken lassen. Wir gingen zum Frühstück, allerdings nicht ohne uns gegenseitig noch nervöser zu machen, als wir schon waren. Die magische Zahl des Morgens war die “10”. So tief würde es heute runtergehen. War die Decke des Speisesaals wohl zehn Meter hoch? Schon ganz schön viel… Schließlich kam der Schweizer noch an unserem Tisch vorbei und fragte, ob wir auch so unruhig geschlafen hätten und aufgeregt wären. Und das fragte er, der nur auf fünf Meter gehen würde? Schön, dass andere Menschen auch Bedenken hatten, aber es beruhigte mich nicht wesentlich. Dann fiel mir der Tipp ein, den unser Tauchlehrer noch gegeben hatte – da wir einige Zeit mit dem Boot fahren würden, wäre es schlauer, nicht so schwer und viel zu essen, das fördert nur die Seekrankheit. Aber es war egal – ich konnte sowieso kaum was essen.

Mein Kreislauf lief entgegen seiner sonstigen Gewohnheit (ich bin Hypotoniker) schon den ganzen Morgen auf Hochtouren. Und so kamen wir bei der Tauchbasis an. “Jetzt geht es loo-os!”, grinste unser Tauchlehrer breit. Der hatte gut lachen. Unsere Ausrüstung war mittlerweile in Plastikkisten verstaut und wurde von uns an Bord unseres Bootes gebracht. Dann ging es tatsächlich los. Schnell ließen wir das Ufer von El Gouna hinter uns. Wir fuhren irgendwo aufs Rote Meer hinaus. Gleich zu Beginn der Fahrt gab uns unser Tauchlehrer jeder einen Tauchcomputer. Ich war froh, dass ich etwas hatte, an dem ich mich festhalten konnte. Wäre der Tauchcomputer ein Tier gewesen, ich hätte es wahrscheinlich aus Versehen mit meinem Griff erwürgt.

Nach einiger Zeit setzten wir uns in der großen Kabine des Bootes an einen Tisch. Theorie wurde wiederholt. Dann wurde das “Briefing” gemacht. Nachdem die erfahrenen Taucher, die auch mit auf der Tour waren, ihre Einführung über den Tauchplatz schon erhalten hatten, kam unser Tauchlehrer zu uns. Er klappte eine in Plastik laminierte Karte auf, die…

…ein Schiffswrack zeigte.

Wenn mich in dem Moment jemand gefragt hätte, ob ich aus der Kirche austreten wollte – ich hätt’s gemacht. Das war ja mal wieder toll. Typisch für die Ironie des Lebens. Und dafür zahl ich auch noch Kirchensteuern? Das Schiff hieß, als es die Meere noch befahren hatte, Ghiannis D. Dann war es auf die Nordseite eines Riffs mit Namen Shab Abu Nuhas geprallt und gesunken. Ich äugte vorsichtig rüber zu Annette. Sie hatte mir von ihren Problemen mit Wracks erzählt, ließ sich aber irgendwie nichts anmerken. Oder war sie schon erstarrt? Doch es kam noch schlimmer. Unser Tauchlehrer deutete auf einen Aufbau mit Querträger, der von den Aufbauten hochstand und meinte, genau dort würde unser Boot festmachen. Es würde also genau über dem Wrack lagern. Wir würden vom Boot springen und an einem Seil, das unter dem Boot hing, senkrecht fünf Meter in die Tiefe in die Tiefe tauchen. Na klasse! Annette hatte Probleme mit Wracks und mit der Tatsache, unter einem Boot zu tauchen – und jetzt würden wir bei unserem ersten Freiwassertauchgang auch noch alles beides haben? Ich war bereits so in der Rolle des “Buddys”, dass ich nicht bedachte, dass auf mich eventuell auch die eine oder andere Herausforderung zukommen könnte.

Unser Tauchlehrer erklärte unsere Route, vom Startpunkt aus in Richtung Bug des Schiffes, der in zehn Metern Tiefe liegt. Von da wieder zurück Richtung Heck, einmal um die Brückenaufbauten herum. Das müssten dann so ungefähr 45 Minuten sein (mir schoss durch den Kopf: “Oh Gott, die längsten 45 Minuten meines Lebens!”). Anschließend auftauchen und Fahrt zum nächsten Tauchplatz für den zweiten Tauchgang, doch zwischen den beiden Tauchgängen würde es Essen geben. Essen? Ach, werft meine Portion doch gleich ins Meer. Ich würde sowieso nichts essen können. Und die Fische freuen sich bestimmt.

Der Kampf mit dem OktopusShab Abu Nuhas kam näher. Irgendwann mussten wir unsere Ausrüstung fertig machen. Und zwar möglichst bevor die Situation eintritt, dass alle anderen schon im Wasser sind und wir noch beim Aufbauen. Also machten wir uns irgendwann dran. Bei den erfahrenen Tauchern sah das irgendwie professionell aus. Doch das, was ich tat, ließ sich mehr mit “der Kampf mit dem Oktopus*” umschreiben. Endlich saß die Tarierweste auf der Flasche und schließlich auch die Erste Stufe auf dem Ventil. Alle Schläuche waren dort, wo sie sein sollten. Schließlich sahen wir es. Genau genommen ist Shab Abu Nuhas nicht wirklich zu “sehen”, da sich das ganze Gebilde unter Wasser befindet, aber man konnte es trotzdem gut erkennen. In einiger Entfernung von uns lagen sogar Metalltrümmer auf dem Dach des Riffs und ragten in die Höhe.

Einer der Männer von der Tauchbasis sprang ins Wasser, um unser Boot mit den Aufbauten der Ghiannis D. zu vertäuen. Unser Tauchlehrer machte uns aufmerksam, dass man das Schiff schon sehen könnte – und tatsächlich! Obwohl das Wrack mindestens fünf bis zehn Meter unter uns lag, war es zu sehen. Ich hatte zwar von der guten Sicht im Roten Meer gehört, aber das übertraf doch alles. Nun mussten wir uns endgültig fertigmachen. Also zuallererst wieder den Neoprenanzug an. Das ging nicht wirklich besser als am Tag zuvor. Die Tarierweste nebst Flasche auf. Und so schwer bepackt gingen wir zum Heck des Tauchbootes, wo sich eine Plattform befand. Von hier aus sollte es losgehen. Der Tauchlehrer und Annette waren auch schnell im Wasser. Ich nicht.

Erinnern Sie sich, was ich oben über die Schwerkraft und Höhenangst sagte? Man hat das Gefühl, als sei die Schwerkraft aus irgendeinem Grund stärker, wenn man am Rand steht. Nun stand ich am Rand der Plattform und hatte eine exzellente Sicht nach unten. Zwanzig Meter in die Tiefe. Und womit ich nicht gerechnet hatte, trat ein: Noch bevor wir im Wasser waren, meldete sich meine Höhenangst lautstark zu Wort und pöbelte rum. Das Gefühl, nach unten gezogen zu werden, wurde durch die schwere Ausrüstung noch verstärkt. Und dann sollte ich tatsächlich mit einem großen Schritt reinspringen. Das ließ mich endgültig verkrampfen, denn das letzte, was jemand, der einen akuten Höhenangst-Anfall hat, möchte, ist springen! Genau davor hat man ja Angst.

Wenn ich jetzt versuche, mir ins Gedächtnis zu rufen, was genau der Tauchlehrer und / oder Annette mir in der Situation zuriefen – das gelingt mir nicht. Ich weiß es nicht mehr. Ich weiß nur, dass irgendwann der Gedanke die Oberhand gewann, dass es jetzt weitergehen musste. Außerdem würde die mich von hinten bestimmt schubsen, wenn ich nicht bald freiwillig reingehe. Und das wollte ich auf keinen Fall. Wenn schon, dann von selbst!

Also dann! Tarierweste aufgepumpt, Regulator in den Mund, Regulator und Maske festhalten, uuuuund…

…ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein großer Schritt für mich.

Meine Befürchtungen, wie ein Meteorit auf dem Deck der Ghiannis D. aufzuschlagen, bewahrheiteten sich nicht. Meine Tarierweste trug mich. Endlich war ich drin. Mir war auch schon warm geworden, so im Neopren in der prallen Sonne. Nun, unserem eigentlichen Tauchgang stand nichts mehr im Weg.

* Für die Nichtkenner: Als “Oktopus” wird der Ersatzregulator bezeichnet, der im Notfall für den Partner gedacht ist, wenn diesem die Luft ausgeht. Auf dem Bild oben ist der Oktopus der Regulator mit dem gelben Schlauch, der ganz nach unten hängt.

Scuba Diver: Der Entschluss – Annettes Version

Ich hatte mich also entschlossen, nähere Informationen einzuholen.

Der Rest des Tages verlief ruhig. Wir kehrten zum Hotelzimmer zurück und machten uns fürs Abendessen fertig. In Ägypten gehen die Uhren anders – so auch unser Wecker im Zimmer. Je länger wir da waren, desto schneller lief er. Und so kam es, dass wir versehentlich zu früh zum Abendessen erschienen – der Raum war noch nicht geöffnet.

Vor dem Raum ist die große Eingangshalle mit Sesseln und Sofas. Ich nahm mit  Thorsten hier Platz und wir warteten. Mein Blick schweifte durch die Halle – ah ja. Da war ja der Taucherstand. Ich ging hin und holte mir einen Infozettel.

Ich las ihn. Hmmm… “Discover Scuba Diving” stand da. Ein Kurs ohne Brevet – kam nicht in Frage. Wenn schon denn schon. Ich las weiter. Scuba Diver… OWD… AOWD. Leicht irritiert starrte ich den Zettel an. Preise standen da, und wieviel Unterricht man hatte, aber wo lag der Unterschied? Ich fragte Thorsten. Der aber konnte mir auch nicht weiterhelfen – wie auch. Ich wog die Lage ab. Konnte ich es riskieren, unverbindlich am Desk nachzufragen? Ich warf einen Blick hinüber. Inzwischen saß dort ein sympathischer blonder großer junger Mann. Ich überlegte. Wenn man einmal fragt, dann wird man doch regelrecht verfolgt von solchen Typen, dachte ich. Ach, was sollte es. Im schlimmsten Falle würde ich eine Woche verfolgt, dann reisten wir eh ab.

“Weißt du was?”, sagte ich zu Thorsten. “Ich frag einfach mal nach.” Er nickte. Wild entschlossen nahm ich den jungen Mann ins Visier  und steuerte zielstrebig das Desk an. Der junge Mann lächelte mich freundlich an. Ich fragte nach, er erklärte mir (auf Englisch), dass der Scuba Diver sowas wie ein “beschränkter” Tauchschein sei. Man dürfe dann in Zukunft nur mit einem Lehrer tauchen, nicht alleine.

Aha.

Ok, dachte ich. Das ist doch genau das Richtige. Ich verabschiedete mich und lief Richtung Thorsten zurück. Auf dem Weg drehte ich mich um und sah, wie der junge Mann hinter mir her lief. Wußte ichs doch! Kaum spricht man so einen an, schon verfolgen sie einen! Ich beschleunigte meinen Schritt, stolperte aber leider über die Teppichkante des Hotelteppichs und legte mich fast auf die Nase. Hektisch stand ich wieder auf, inziwschen hatte mich der nette Herr natürlich eingeholt. Ob es daran lag, dass ich schon so entschlussfreudig aussah… ich weiß es nicht. Jedenfalls erklärte er uns jetzt in aller Auführlichkeit die Unterschiede. Der Scuba Diver sei auf 12 Meter Tiefe begrenzt. Und man darf noch nicht alleine tauchen. Und man kann darauf aufbauen. Interessiert hörten wir zu.

Nachdem sich der junge Mann verabschiedet hatte, starrte ich Thorsten an. Irgendetwas schien in ihm zu arbeiten, aber ich konnte nicht sagen, was. Ich hatte mich jedenfalls entschieden. 12 Meter, dachte ich. Pf! Das ist doch gar nix. Und Wracks, die liegen ja wohl kaum in 12 Meter Tiefe. Ein Ruderboot vielleicht, ja, aber doch kein Schiff. Geradezu lächerlich! Da müsste das Schiff ja geradezu aus dem Wasser noch herausgucken! Das wird sicher richtig nett, dachte ich. So ein hübsches Riff, bunt und farbenprächtig, dazu schöne Fische, DAS würde mich in 12 Meter Tiefe erwarten. Hier möchte ich doch nochmals erinnern, dass ich mich bis dato noch nie mit der Unterwasserwelt oder dem Tauchen beschäftigt hatte! 🙂

“Ich mach den Scuba Diver”, sagte ich zu Thorsten. Aus irgendeinem Grund sah er missmutig aus. “Machst du mit?”, fragte ich. Thorsten brummte vor sich hin, aber ein “ja” oder “nein” bekam ich nicht zu hören. Lag es am Geld? Schließlich sind die Kurse teuer, und das war eigentlich im Budget nicht geplant. Fehlte ihm der Mut? Es lag an keinem von beiden. Ich hatte den Eindruck, dass er nur noch einen kleinen Schubs brauchte. Irgendetwas schien in ihm ja zu sagen, aber es kam noch nicht durch.

“Wenn du nicht willst, dann ist es nicht schlimm, vorausgesetzt du kannst mich zwei Tage entbehren”, versuchte ich es aus ihm rauszulocken. ” Daran liegt es nicht”, erwiderte er. Hm… er wollte also!

“Thorsten, man lebt nur einmal”, sagte ich ihm. ” Wenn du das genauso willst wie ich, dann mach es doch einfach. Was sollte dich denn daran hindern?” Das war wohl das Zauberwort. Er willigte ein.

Aufgeregt rannten wir zum Desk und wollten uns gleich anmelden. Der blonde junge Mann lächelte über so viel Eifer und sagte uns, dass wir am nächsten Tag zur Tauchschule gehen sollten um uns dort anzumelden. Meine Güte waren wir aufgeregt!

Am nächsten Morgen überdachten wir alles nochmal, aber wir waren nicht mehr davon abzubringen. Wir schlangen das Frühstück hinunter und gingen sofort zur Tauchschule. Dort nahm uns der Chef in Empfang. Wir füllten die Anmeldungen aus, erhielten Lehrbücher und wurden vor einen Fernseher gesetzt. Huch? Auf Englisch lief ein Lehrfilm über das Tauchen. Ich war leicht erstaunt? Sollte das etwa die Theorie sein? Sie war es. Gute zwei Stunden saßen wir vor der Glotze. Nachdem wir fertig waren, erklärte uns der Basisleiter, dass wir um halb eins wieder da sein sollten, da wir dann unsere Tauchlehrerin treffen würden und wir würden eingekleidet. Alles klar. Wir gingen zum Zimmer zurück, heftig am diskutieren über das Gesehene und über das, was folgen würde.

Im Zimmer angegekommen blätterten wir ein bisschen im Buch (Bilder!!), denn wir hatten nur noch 20 Minuten Zeit. Schließlich packten wir zusammen und gingen zur Tauchschule zurück.

Scuba Diver: Der Entschluss – Thorstens Version

Meine Bedenken zum Tauchen waren im Lauf der Zeit zu einer stattlichen Sammlung angewachsen. Nicht ungefährlich, klar. Besonders am Bodensee. Kaltes Wasser. Das Anschaffen der Ausrüstung verschlang ein Vermögen.

Dann jedoch kam der Moment, in dem das alles herausgefordert wurde. Eines Abends in der Haupthalle unseres Hotels saßen wir da und warteten, dass das Abendessen-Buffet eröffnet werden würde. Es arbeitete in Annette, das konnte ich sehr deutlich merken, wusste aber nicht genau, wieso. In der Hotelhalle, genau vor dem Buffet-Restaurant, stand eine Reihe von Tischen. An einem konnte man eine Immobilie in El Gouna käuflich erwerben, an einem anderen hatte die Tauchbasis des Hotels ihr Lager aufgeschlagen und versuchte, Ausflüge und Kurse an den Mann (und die Frau) zu bringen. Annette hatte sich ein Prospekt von der Tauchbasis geholt und studierte es. Plötzlich drehte sie sich zu mir um.

“Wolltest Du nicht auch schon immer mal tauchen lernen?”

Was bitte? Bevor ich meinen Katalog mit allen möglichen Bedenken auspacken konnte, fragte sie mich, ob ich wüsste, was bei den ganzen Tauchscheinen, die man machen kann, denn der Unterschied sei. Ja nun, äh… keine Ahnung. Ich hatte mich mit dem Thema zwar beschäftigt, aber so tief war ich in die Materie dann doch nicht eingedrungen. Annette jedoch wollte sich erkundigen und ging herüber zum Tisch der Tauchbasis, um mal nachzufragen. Ich war etwas verwirrt. Worauf lief das jetzt raus? Von schwimmen war die Rede gewesen vor unserem Urlaub, vom Schnorcheln… was sollte das werden? Annette kam kurz darauf zurück und hatte – offenbar unfreiwillig – einen Typ von der Tauchbasis im Schlepptau. Nachdem sie über eine Teppichkante gestolpert war, schaffte er es auch, sie einzuholen. Dann erklärte er uns, was genau der Tauchschein “Scuba Diver” beinhaltete: Tauchgänge sind beschränkt auf eine Tiefe von 12 Metern und nur in Begleitung eines “Professional”, sprich: eines Tauchlehrers. Schön, jetzt wissen wir das ja. Und jetzt geh sch…

Hallo!

Was? Wer spricht da?

Hier spricht Dein Tatendrang. Wenn Du so fasziniert vom Tauchen bist, warum probierst Du es nicht mal? Jetzt hast Du die Chance dazu.

“Ich mach den Scuba Diver!”, verkündete Annette in dem Moment. “Machst Du mit?”

Na siehst Du. Und schon hättest Du die passende Partnerin dazu.

Was mich in dem Moment noch zögern ließ, verstand ich erst später vollständig. Mein ganzes Leben lang hatte ich mich auf eine bequeme Position zurückgezogen, was das Tauchen betraf. Immer hatte ich Gründe in den Vordergrund geschoben, warum es besser war, das nicht anzufangen. Gefahr, Kälte, Geld… Aber so? Hier in Ägypten könnte man es wenigstens mal soweit ausprobieren, dass man wirklich sagen konnte, ob es etwas für einen war oder nicht. Aber wie es so ist, der Rückzug auf die bequeme Position war eine alte Gewohnheit, und mit alten Gewohnheiten bricht man nicht so leicht. Auch wenn man spürt, dass eigentlich nur etwas Gutes dabei herauskommen kann. Man möchte den “sicheren Hafen” lieber nicht verlassen. Annette merkte das und bohrte nach. Dabei konnte ich ihr zu dem Zeitpunkt nicht mal genau sagen, was mich zögern ließ. Mir fehlte der Einblick.

Komm schon, hör auf Deinen Tatendrang!

Was ist mit meinen Bedenken?

Oh, das ist kein Problem. Courage und ich, wir haben die Bedenken überwältigt, gefesselt und geknebelt. Die melden sich so schnell nicht wieder.

“Thorsten, man lebt nur einmal”, hörte ich Annette in dem Moment sagen. “Wenn du das genauso willst wie ich, dann mach es doch einfach. Was sollte dich denn daran hindern?” Und sie streckte mir die Hand hin. Das war ein Wort. Ich nahm sie an und wir sprangen auf, um uns am Tisch der Tauchbasis für den Kurs anzumelden. Der junge Mann rechnete im Kopf durch. Wir sollten am nächsten Tag zur Tauchbasis selbst gehen und uns anmelden. Einen Tag später würde der Kurs selbst losgehen.

Wollte man unseren Zustand beschreiben, so ist “elektrisiert” sicherlich das richtige Wort. Tatsächlich blieben meine Bedenken stumm. Wir überlegten uns, ob wir wohl die Schweizerin als Lehrerin bekommen würden und stellten fest, dass wir schon wieder die gleichen Gedanken gehabt hatten – die hatte eine angenehme, ruhige Art an sich, da wäre das sicherlich kein Problem für uns. Doch erstmal stand die Theorie an. Und die kam schneller, als wir gedacht hatten. Am nächsten Tag gingen wir gleich nach dem Frühstück zur Tauchbasis, kämpften uns durch die Anmeldeformulare, bevor es hieß: “And now theory!” Damit begann alles einen Tag früher als wir gedacht hatten.

Tatsächlich hatte das was von Schule, als man uns die Lehrfilme über das Tauchen vorführte, insgesamt über zwei Stunden. Erfreulich für mich war, dass das meiste in der Theorie eigentlich Wiederholung dessen war, das ich schon gelernt hatte im Zusammenhang mit Tauchnotfällen, gerade was physikalische Vorgänge betraf. Da Annette und ich beide aus dem medizinischen Sektor kommen, sind uns gewisse Dinge sowieso eher vertraut. Dummerweise eben gerade die Negativen, aber dazu kommen wir noch.

Ausgerüstet mit dem Lehrbuch für den Kurs kehrten wir in unseren Bungalow zurück und fingen an, das gesehene zu verarbeiten, soweit uns das möglich war. Die Sache ist nun mal die, dass man das Tauchen nicht nur mit Theorie lernen kann. Man muss sich auch gewisse Fertigkeiten aneignen. Und der erste Pool-Tauchgang sollte schon an gleichen Nachmittag stattfinden. Dazu sollten wir etwas früher zur Tauchbasis zurückkehren, denn wir mussten noch die richtige Ausrüstung finden, Neopren-Anzug, Tarier-Jacket… all sowas.

Beim Nachlesen im Buch fielen mir besonders wiederum ein paar negative Dinge auf. Stichworte wie “Luftembolie”, “Lungenriss” oder “Barotrauma”. Und auf einmal hörte ich eine leise Stimme in meinem Hinterkopf.

Worauf hast Du Dich da eingelassen?

Oh, hallo Bedenken. Habt Ihr Euch befreien können?

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