Wie alles begann… – Thorstens Version

„Vier Wochen später las ich in der Illustrierten dann
völlig sprachlos, wie das alles mit mir begann!“

Reinhard Mey: „Die Homestory“

Anfang 1970er Jahre - die AnfängeWenn man den Werdegang betrachten will, wie wir zum Tauchen kamen, muss man natürlich zurückgehen bis an die Anfänge. Unser Tauchlehrer erzählte uns, er hätte schon Tauchschüler gehabt, die sich bis zum Tauchkurs noch nicht mal getraut hätten, den Kopf unter Wasser zu nehmen, aber unbedingt tauchen lernen wollten. Was Annette und mich betrifft, war das ein wenig anders und es ist ein Wunder, dass es so lange dauerte, bis wir dieses Hobby überhaupt anfingen.

Was mich betrifft, irgendwie hatte ich immer schon eine besondere Affinität zum Wasser. 1972 fanden die Olympischen Spiele in München statt und wie man mir berichtete (ich kann mich daran leider nicht mehr so genau erinnern), saß ich im zarten Alter von zwei Jahren mit meiner Mutter vor dem Bildschirm und feuerte Mark Spitz an, den bekannten amerikanischen Schwimmer. Beim nächsten Wannenbad versuchte ich, ihm nachzueifern und durchpflügte die Wanne in einer Art improvisierten Kraulstil. Stolz verkündete ich meiner Oma, die zu dem Zeitpunkt die Badeaufsicht hatte, ich würde schwimmen wie Mark Spitz. Nun war meine Oma während der Olympiade im Krankenhaus gewesen, und damals war es noch nicht so, dass es Fernseher in den Krankenzimmern gegeben hätte. Sie hatte die ganzen Spiele verpasst und wusste daher nicht, wer Mark Spitz war. Und ich war pickiert. Wie konnte sie sowas nicht wissen?

Tatsächlich bekam ich nur wenige Jahre später meine erste Schnorchelausrüstung, an die ich mich noch erinnere, als wär’s gestern gewesen. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, ob es so war, aber ich vermute, sie war ein Merchandise-Artikel der Fernsehserie „Flipper„. Es war eine ovale, blaue Taucherbrille mit durchgehendem Glas, ein blauer Schnorchel und genauso blaue Flossen. Zumindest auf der Taucherbrille, ich glaube aber, auf den Flossen ebenso, war ein Logo angebracht, in dem der Schriftzug „Flipper“ stand. Außerdem benutzen die beiden Jungs aus „Flipper“ immer solche Masken, wenn sie tauchen gingen. Meine neue Ausrüstung eröffnete ganz neue Badewannen-Dimensionen, vom Schwimmbad mal ganz abgesehen. Schließlich auch im Bodensee, denn dort wohnten wir seit dem Jahr in dem besagte Olympiade stattgefunden hatte. Irgendwann jedoch war das Gummi der Maske so brüchig, dass das Maskenband riss, außerdem war sie undicht. Sie ging den Weg allen Irdischen.

Zum ersten Mal – ich war mittlerweile irgendwo zwischen sieben und zehn Jahren alt – erwachte in mir die Faszination für den Tauchsport. Damals lief im Fernsehen (zu einer Zeit, in der es nur ein paar wenige Sender gab) eine Serie, in der die verschiedenen Aspekte des Tauchens abgehandelt wurden, wie es funktioniert, was man so machen und sehen kann und welche Ausrüstung es gibt. Diese Serie verfolgte ich mit Begeisterung, nur die Folge über Tauchunfälle fand ich gruselig. Tauchen ist nicht ungefährlich, das lernte ich damals.

Und wie gesagt, wir lebten am Bodensee. Es verging kein Jahr, in dem nicht über mindestens einen Tauchunfall groß berichtet wurde, noch dazu, da das Gebiet um den so genannten „Teufelstisch“ damals noch nicht gesperrt war und dort immer wieder Taucher verloren gingen. Das flößte mir einigermaßen Respekt vor dem See ein. Meine Oma meinte mal, sie sei immer der Ansicht gewesen, dass ich irgendwann das Tauchen anfangen würde, aber auch sie hätte Sorge gehabt, wenn sie gewusst hätte, ich wäre im Bodensee unterwegs. Nun, immerhin sollte sie spät recht behalten, aber zu den Zeitpunkt leider nicht mehr lang genug leben, um es richtig mitzubekommen.

Zurück in die Vergangenheit: Mein Respekt vor dem Bodensee war groß genug, den Tauchsport nie ernsthaft in Erwägung zu ziehen. Als Teenager hatte ich dann eine Jugendzeitschrift abonniert, in der es eine Serie über das Schnorcheln gab. Dort wurde einem alles erklärt, wie man mit Flossen richtig schwimmt, Druckausgleich macht… und so weiter. Seit meiner „Flipper“-Ausrüstung hatte ich immer nur Taucherbrillen gehabt, nun war aber wieder eine ganze Schnorchelausstattung fällig. Mit einem Freund erforschte ich die Unterwasser-Welt des Überlinger Strandbad West in Bereichen, wo ich mich sicher fühlte, nicht ahnend, dass dort auch eine junge Dame zum Schwimmen ging, die ich erst etwas später kennenlernen sollte.

Die junge Dame hieß Annette. Anfang der 1990er Jahre traf ich sie zum ersten Mal aus beruflichen Gründen: Ich war Zivildienstleistender beim Rettungsdienst, sie eine Ehrenamtliche. Aber wirklich kennengelernt haben wir uns damals nicht, ich wusste zwar, wer sie war, mehr aber auch nicht. Nach dem Zivildienst machte ich weiter beim Rettungsdienst und musste erst einmal die Ausbildung zum Rettungsassistenten absolvieren. Daher verloren wir uns aus den Augen. Und das Tauchen? Nun, eine gewisse Faszination war geblieben. Auf der Rettungsdienstschule gab es ein paar Pflichtbücher und ein paar „kann man sich anschaffen, wenn man sich dafür interessiert“-Bücher. Die Pflichtbücher bekamen wir natürlich alle. Und von den anderen Büchern schaffte ich mir neben einem fotografischen Atlas der menschlichen Anatomie ausgerechnet ein Buch über Tauchnotfälle an. Auch noch eins, das auf Spezialpapier gedruckt war – es war nämlich eigentlich für Taucher gedacht, die es für den Ernstfall dabei haben sollten (nicht unter Wasser, falls Sie das fragen! Es war aber wassergeschützt, damit ihm Spritzwasser nichts ausmacht).

Dann kam die Prüfungswoche auf der Rettungsdienstschule. Zu diesem Zeitpunkt feierte das Panorama-Bad in Freudenstadt gerade ein Jubiläum. Freudenstadt lag in der der Nähe der Rettungsdienstschule und ein paar der Azubis gingen eines Nachmittags zum Schwimmen. Just an diesem Nachmittag veranstaltete die örtliche DLRG im Hauptbecken des Bads ein „Schnuppertauchen“. Und diesmal packte es mich, es endlich mal auszuprobieren. Es war faszinierend, auf den Grund des Beckens abzusinken und einfach weiterzuatmen. Und dann schwamm ich – begleitet von einer Sicherheitstaucherin und einem weiteren Schnuppertaucher – die ganze Länge des Beckens durch uns wieder zurück. Ich war elektrisiert, aber offenbar nicht genug. Vielleicht lag es auch an der Tatsache, dass wir eben mitten in den Prüfungen waren, und ich andere Dinge im Kopf hatte, als auch noch das Tauchen anzufangen. Überhaupt – wo denn? Etwa im Bodensee?

Denn was den See betraf, da hatte ich bald drauf ein unschönes Erlebnis, als wir während meines Praktikums einen Notfall mit einem Taucher hatten. Wir übernahmen ihn von einer Rettungsbesatzung eines Polizeibootes und brausten mit Signal zum Krankenhaus nach Überlingen, während ich unablässig seinen Brustkorb komprimierte. Doch er schaffte es nicht. Tauchen war nicht ungefährlich, das wurde mir auf diese Weise wieder vor Augen geführt.

Meine folgende Karriere beim Rettungsdienst verlief aus verschiedensten Gründen, auf die ich keinen Einfluss hatte, etwas wirr. Doch ob es nun Schicksal war oder nicht, es führt dazu, dass sich mein Weg erneut mit dem von Annette kreuzte, wieder beruflich, doch diesmal an einem anderen Ort. Diesmal lernten wir uns besser kennen und merkten, wie wir auf einer Wellenlänge lagen. Im wahrsten Sinne des Wortes, nicht nur, dass wir die Nachtdienste davonreden konnten, wenn gerade nichts los war, sondern auch weil wir durch Zufall feststellten, dass wir beide rechte „Wasserratten“ waren (eine Bezeichnung, die man eigentlich nur Kindern zuteil werden lässt, da ich aber leider keine entsprechende Bezeichnung für Erwachsene gefunden habe, verwende ich sie hier einfach mal). Da sollte man doch eigentlich zusammen schwimmen gehen… irgendwann…

Jahr für Jahr im Flug verging. Nein, ich scherze nicht. Wir kriegten es nicht auf die Reihe. Bis plötzlich die Idee entstand, wenn schwimmen, dann vielleicht richtig. In einem Urlaub. Schwimmen, schnorcheln… Meer, Sonne… Malediven, Seychellen… so was in der Art. Das hatte sich allerdings ziemlich schnell erledigt, als die Preise für den Urlaub, den wir uns vorstellten, in astronomische Höhen schnellten. Unser nächstes Ziel war die Karibik, Venezuela. Dann jedoch brach der Georgienkonflikt aus und der Präsident Venezuelas wollte seine Verbundenheit zu Russland durch ein groß angelegtes Seemanöver demonstrieren – ausgerechnet in der Zeit, in der wir unseren Urlaub nehmen wollten. Außerdem gab es noch ein paar andere Dinge, die einen entspannten Urlaub stören könnten. Nun, das Manöver fand dann doch nicht statt, aber wir hatten bereits umgebucht auf Ägypten. Ägypten kannte ich schon, da war ich zuvor schon mal gewesen. Rotes Meer. Hurghada. Durch einen Zufall waren wir auf ein Hotel in El Gouna gekommen (mehr über den Zufall und das Hotel lesen Sie hier), das über einen eigenen Strand verfügte und mit einer Poollandschaft ausgestattet war. Schwimmen, schnorcheln, ausspannen. Das war der Plan. Ich musste mir da weiters keine Gedanken machen, denn ich hatte eine Schnorchelausrüstung. Zwar aus einem Angebot von einem Discounter, aber immerhin! Ich hatte diese immer mal wieder gebraucht, so etwa in den Schnorchelbädern der „Center Parcs“ Ferienparks. Die waren ideal, wenn man nicht weit fahren, aber doch tropische Unterwasser-Landschaften sehen wollte.

Annette musste sich ihre Ausrüstung noch holen. Ich staunte, als sie mir eine kleine, durchsichtige Plastikbox zeigte, in der die Taucherbrille steckte. Als mein Blick auf das Preisschild fiel, musste ich schlucken. Annette hatte sich eine Taucherbrille gekauft, wie sie Sporttaucher verwenden. In der Tat hatte sie mehr gekostet, als mein ganzes Schnorchelset. Völlig overdressed, fand ich. Wir wollten doch nur schwimmen und so ein wenig schnorcheln. Mehr nicht. Was Annette an der Taucherbrille mehr gezahlt hatte, machte sie dadurch wett, dass sie keine Flossen hatte. Aber kein Problem, dachte ich mir, die kann man sich im Zweifelsfall leihen.

Dann konnte es endlich losgehen. Ich freute mich auf diesen Urlaub, denn mein letzter „richtiger“ Urlaub war Jahre her. Ich war länger nicht mehr gewesen. Endlich mal wieder weiter weg, in eine andere Welt. Wie sehr sich letzter Satz bewahrheiten würde, ahnte ich nicht, als wir uns auf den Weg zum Flughafen machten.

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